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Gastgeber in Ostpreußen

Adebar-Reiseteam: Individual- und Studienreisen Ostpreussen/Baltikum
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Neues aus Warpuny/Warpuhnen und 10 Jahre Verein Freunde Masurens

26.06.2020

Als ich im Juni 2010 auf meiner 28. Studienfahrt in meine ehemalige Heimat Masuren mit der Reisegruppe wieder einmal, wie jedes Jahr, vor der Kirche in Warpuny/Warpuhnen stand, in der ich getauft, konfirmiert, getraut und meine älteste Tochter Romy ebenfalls getauft worden war, da wurde mir schwer ums Herz. Ansehen zu müssen, wie sie Jahr für Jahr mehr verfällt, trotz vieler intensiver Bemühungen von ehemaligen Warpuhnern, die Kirche zu retten. Es ist für einen Heimatverbundenen wie mich, und dann noch als Pastor, besonders schwer zu sehen, wie ein Gotteshaus dem Verfall preisgegeben ist.

Gerade in dieser Gruppe, oder gerade zu dieser Zeit, sprachen mich einige Mitreisende an, hier doch etwas zu tun, und Kerstin Harms, die ihre Liebe zu Masuren entdeckt hatte, sagte zu mir: „Wir werden die Kirche nicht retten können, aber wenn wir nichts machen, wird auch nichts besser!“ Dieser Satz war wie ein Samenkorn, das auf fruchtbaren Boden fällt. Denn nun war die Zeit gekommen, und wir setzten den von mir schon länger gehegten Plan, einen Verein zu gründen, in die Tat um, und ich hatte eine Mitstreiterin gefunden, die mir dabei half. Bereits sechs Wochen später, am 01.08.2010, gründeten wir im Gasthaus Rose in Scharnebeck den Verein Freunde Masurens e.V.

Auf der konstituierenden Sitzung schlug ich Kerstin Harms als 1. Vorsitzende vor, da ich viel Potenzial in ihr sah, und ihre Verbundenheit mit meiner alten Heimat Masuren offensichtlich war.

Gemeinsam haben wir in den letzten Jahren im Vorstand und mit vielen engagierten und hilfsbereiten Mitgliedern viel für Masuren erreicht, was auch in dortigen politischen und sozialen Organisationen bemerkt und offiziell anerkannt wurde. Wir haben Patenschaften für Kirchen, Privatpersonen und mit Schulen geschlossen, in denen die deutsche Sprache unterrichtet wird. Dadurch haben wir vor allem bei den Kindern viele Vorurteile den Deutschen gegenüber abbauen können. Jedes Jahr zu Weihnachten bekommen alle Kinder dort Geschenke, Süßigkeiten, Spielsachen, Schulmaterial und vieles mehr, was wir persönlich bei den Weihnachtsfeiern in den Schulen übergeben. Hierfür werden wir immer mit wunderbaren Programmen der Lehrer und Aufführungen der Kinder belohnt, die sich alle viel Mühe geben und uns deutsche Weihnachtslieder singen, Gedichte aufsagen und Theaterstücke oder Tänze vorführen.

Dreimal im Jahr organisieren wir Hilfstransporte mit Rollstühlen, Rollatoren, Pflegebetten, Hilfsmitteln, Süßigkeiten, Kleiderspenden und vielem mehr und bingen alles im 7,5 t LKW nach Masuren, oft die Vorsitzende Kerstin Harms selbst am Steuer. Bei einer Aktion im Jahr 2014 haben wir 50 Hörgeräte bei der Firma KIND besorgt und sie an Hörgeschädigte, die sich selbst keines leisten konnten, geschenkt und individuell anpassen lassen. Dann gab es die Fahrradaktion, bei der wir 300 reparaturbedürftige Räder in Deutschland einsammelten und sie einer Reparaturwerkstatt in Sorkwity/Sorquitten zur Verfügung stellten, die die reparierten Fahrräder dann für einen guten Zweck verkaufen oder an Bedürftige verschenken konnte. Und nicht zu vergessen die Sorquittener Gespräche, eine Vortragsreihe mit hochkarätigen Referenten zu Themen aus Religion, Geschichte, Kultur, Kunst, Politik, Natur und politischem Tagesgeschehen, die viermal im Jahr in der Kirche in Sorkwity/Sorquitten stattfinden und die wir von Deutschland aus organisieren.

Es wurden Denkmäler und Grabsteine auf ehemaligen evangelischen Friedhöfen in Ryn/Rhein und Krzyżany/Steinwalde errichtet.

Aber nie haben wir die ev. Kirche in Warpuhnen aus den Augen verloren.

Ein Geschäftsmann aus Sensburg war auf die vielfältige Arbeit unseres Vereins aufmerksam geworden und kannte auch die Bemühungen, diese ev. Kirche vor dem Verfall zu retten. Als 2014 Alfred Siwik Kontakt mit uns aufnahm, kam wieder etwas Hoffnung auf, dass wir nach längerem Warten den ursprünglichen Anlass zur Vereinsgründung wieder aufnehmen würden. In mehreren Gesprächen, die wir mit ihm führten, erklärte er seine Beweggründe. „Ich möchte etwas zurückgeben und Dir ein Denkmal setzen“, sagte er zu mir „und ein Zeichen für Deutsch-Polnische Freundschaft.“

Es stellte sich heraus, dass ich ihn früher, als er ein kleiner Junge war und mit seiner Familie aus Weißrussland nach Polen gekommen war, die polnische Sprache gelehrt hatte und ihm die Liebe zu Literatur und Kunst nahe gebracht hatte. Nun war die Zeit gekommen, etwas wieder gut zu machen. Über Jahre hinweg hatte Alfred Siwik das Bemühen des Vereins, die Kirche zu retten, verfolgt, und dann kam er auf die Idee, hier etwas Gutes zu tun, zumal auch er sehr mit der Kirche verbunden ist.

Alfred Siwik ließ vor dem Winter 2015/2016 das Dach reparieren, zweihundert Fenster neu einsetzen und den Turm sichern. Es war somit der erste Schritt und der Anfang getan, die Kirche vor dem gänzlichen Verfall zu retten und vor weiteren witterungsbedingten Schäden und den Vögeln, die dort ein- und ausflogen, zu schützen. Nun war das Gebäude erst einmal notdürftig dicht, was Kerstin Harms auf die Idee brachte, die Kirche innen von Unrat, Laub, Vogelkot und einer dicken Schicht Staub zu befreien. Das wurde an einem Wochenende im April 2016 von einer Gruppe aus Deutschland angereister Vereinsmitglieder gemeinsam mit Dorfbewohnern aus Warpuny und Sorkwity durchgeführt. Keiner von uns wird die Begeisterung und den Schwung bei dieser deutsch-polnischen Putzaktion je vergessen!

Als im letzten Jahr die Gefahr bestand, dass der immer noch stark beschädigte Turm der Kirche den bevorstehenden Winterstürmen nicht mehr standhalten könnte und bereits Blechteile heruntergefallen waren, versuchten wir auf die Schnelle, Gelder für eine gründliche Sanierung zusammenzubekommen.

Als die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien in Bonn alle Prüfungen abgeschlossen hatte, kamen die Gutachter zu dem Ergebnis, dass eine Zuwendung aus Fördermitteln zur Sicherung und Erhaltung deutschen Kulturguts in den historischen Siedlungsgebieten im östlichen Europa gerechtfertigt ist. Die Kirche in Warpuny/Warpuhnen wurde als dringend erhaltenswürdig eingestuft. Darüber waren wir alle sehr froh und glücklich und freuten uns über den Zuschuss. Den nicht unerheblichen Rest legten wir aus Spendengeldern von verschiedenen Organisationen und Privatpersonen dazu, und so konnten die Arbeiten im April beginnen und wurden bereits Ende Juni 2019 abgeschlossen. Seitdem strahlt die Kirche schon von weitem sichtbar mit einem neuen stolzen Turm.

In diesem Jahr wurden die restlichen Dacharbeiten ausgeführt und auch morsche Balken wurden ausgetauscht. Ebenfalls wurde das untere Mauerwerk neu verfugt und Ziegelsteine ersetzt, so dass keine Feuchtigkeit mehr in die Kirche eindringen kann. Zurzeit (Stand 30.06.2020) läuft noch das Genehmigungsverfahren zur Restaurierung der drei kaputten Türen bei der Denkmalpflege in Olsztyn, aber auch diese sollen noch im laufenden Jahr fertiggestellt werden.

Das größte Ereignis aber soll in diesem Jahr das 10-jährige Jubiläum des Vereins Freunde Masurens am 01.08.2020 sein, das wir in Masuren feiern wollen, und zwar an dem Ort, der der Ausgangspunkt und erste Anstoß zur Vereinsgründung war: die alte Kirche in Warpuhnen!

Aber vorher wollten wir noch etwas sehr Wichtiges erreichen: die Orgel sollte wieder erklingen!

Im Januar stellte sich allerdings heraus, dass die wertvolle Orgel aus der Terletzki Werkstatt aus Elbing in Polen nicht unter Denkmalschutz steht. Es konnten deshalb keine Fördermittel für dieses Technikdenkmal, das Teil des Orgelweltkulturerbes der UNESCO ist, beantragt werden und auch die Deutsch-Polnische Stiftung zog ihre Zusammenarbeit mit uns zurück.

Doch nach dem Motto unserer 1. Vorsitzenden Kerstin Harms „Geht nicht, gibt’s nicht!“ setzten wir uns zum Ziel, die ca. 35.000 € für die Orgelreparatur aus Spendengeldern selbst zusammenzubekommen. Mit viel Engagement, Spendenaufrufen und Informationen an private Geldgeber und mit einer Spendensammlung über Patenschaften für einzelne Orgelpfeifen haben wir doch tatsächlich das große Ziel erreicht. Bereits im Februar wurde mit den Reparaturarbeiten vom Orgelbaumeister Andrzej Kowalewski aus Braniewo/Braunsberg und seinen Helfern begonnen, und die Orgel wird pünktlich zum Jubiläum fertig sein. Dann wird mit einem festlichen Dankgottesdienst am 01.08.2020 um 16.00 Uhr gefeiert. Die Orgel wird von Bischof Pawel Hause geweiht und wird dann wieder zur Ehre Gottes die Kirche mit ihrem vollen schönen Klang erfüllen.

An dieser Stelle möchten wir allen sehr sehr herzlich für die Unterstützung danken, besonders den Familien Grygo, Osiecki, Gałka und Siwik aus Masuren, aber auch allen Spenderinnen und Spendern, die mit der Kirche in Warpuhnen verbunden sind. Ich weiß aus vielen Telefonaten und Briefen, dass im Herzen der ehemaligen Warpuhner, die in dieser Kirche getauft und konfirmiert wurden, und oft auch schon deren Eltern und Großeltern, diese alte, schmucke, stolze Kirche ihre Heimatkirche bleiben wird.

Es soll sie noch in 100 Jahren geben!!! Erfüllt mit religiösem und kulturellem Leben!!!


Pastor Fryderyk Tegler

 
 
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