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Hirschfeld – ein Bericht von Günter Klepke

Mein Großvater, der Ziegelmeister Karl Friedrich Matz wurde, am 11. Oktober 1864 in Gradtken, Kreis Allenstein, geboren. Er wurde am 23. Oktober 1864 in der evangelischen Kirche in Guttstadt getauft. Sein Vater – mein Urgroßvater – der Ziegelmeister Friedrich Matz wurde am 15. Juli 1829 geboren. Er wurde am 14. Juli 1829 in der evangelischen Kirche in Uderwangen getauft. Mein Urgroßvater heiratete Frau Maria geb. Strubel.

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Mein Großvater, der Ziegelmeister Karl Friedrich Matz wurde, am 11. Oktober 1864 in Gradtken, Kreis Allenstein, geboren. Er wurde am 23. Oktober 1864 in der evangelischen Kirche in Guttstadt getauft. Sein Vater – mein Urgroßvater – der Ziegelmeister Friedrich Matz wurde am 15. Juli 1829 geboren. Er wurde am 14. Juli 1829 in der evangelischen Kirche in Uderwangen getauft. Mein Urgroßvater heiratete Frau Maria geb. Strubel. Seine Mutter – meine Ur-Ur-Großmutter - war das Dienstmädchen Charlotte Matz. War es an dieser Stelle, wo der österreichische Generalatjutant in die Familiegeschichte eintrat? Was aber machte hohes österreichisches Militär 1828 im östlichen Ostpreußen? Sicherlich wurde dem Dienstmädchen Charlotte Matz ‚verziehen’. Leider lässt sich die Familiengeschichte ab hier nicht weiter verfolgen.

Meine Großmutter, die Kämmerertochter Emma Matz, geb. Gaebel, wurde am 20. 4. 1869 in Gollubien, im Kreis Oletzko geboren. Sie wurde am 25. 4. 1869. getauft. Ihre Eltern – meine Urgroßeltern mütterlicherseits - waren Johann Gaebel und Frau Caroline geb. Priedigkeit in Legenthof. Deren Ehe wurde 1854 in Angerapp geschlossen.

Mein Großvater soll in der Region Allenstein eine Ziegelei betrieben haben. Wohl zwischen den beiden Weltkriegen siedelte die Familie nach Hirschfeld um; hier betrieb man eine Ziegelei mit einem landwirtschaftlichen Anwesen. Ihre Kinder, meist Mädchen, blieben nicht in Hirschfeld. Es zog sie in Europas neue Metropole, nach Berlin. Meine Großmutter starb 1940 in Hirschfeld. Sie wurde hier begraben. Mein Großvater, jetzt 76 Jahre alt, übergab das Anwesen an seine älteste Tochter, Frau Anna Neumann und ihrem Mann Otto. Mein Onkel Otto war 12 Jahre in der Reichswehr. Mit seiner Abfindung gelang es, die Erbansprüche zu regeln. Er wurde später für die Dauer des Polenfeldzuges noch einmal eingezogen. Konnte aber danach mit seiner Frau Anna sich weiter dem Anwesen widmen. Ihre Ehe blieb kinderlos. Später im, Januar 1945, gelang den beiden „mit Pferd und Wagen“ die Flucht übers Haff. Sie erreichten Schleswig-Holstein und verkauften hier ihre Pferde. Sie kamen hier noch einmal zu einem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb im Raum Hohenwestedt. Schnell erwarben sie sich hier Anerkennung.

Meine Mutter, Klara Matz, heiratete am 20. August 1937 in Hirschfeld meinen Vater, Erich Klepke. Sie zogen nach Elbing in Westpreußen. Wie so viele musste auch mein Vater Nachweise über seine Abstammung beibringen. Wie genau doch die Kirchenämter diese Urkunden ausstellten.

Mittelpunkt der Familie aber blieb Hirschfeld. Zu den hohen Festtagen und zu den Familienfeiern traf sich hier die Familie. Die Freunde, Verlobten und Ehemänner wurden mit der doch für Ostpreußen so typischen Großmütigkeit und Gastfreundschaft in die Familie aufgenommen. Für meine Verwandten war es ein hartes und entbehrungsreiches Leben. Und doch verlebte die Familie bis zum Kriegsende hier glückliche Jahre. Mein Onkel Hugo half im Januar meiner Tante bei den Fluchtvorbereitungen; wegen zwei Stunden Urlaubsübertretung soll er dann erschossen worden sein. Wie selbstverständlich der französische Kriegsgefangene meiner Tante bei der Flucht half – längst gehörte er zur Familie. Eine meiner Cousinen, Ehefrau eines Luftwaffenoffiziers, ertrank mit ihren Kindern auf der „Wilhelm Gustloff“. Eine Tante wurde mit ihrer Familie bei einem Bombenangriff in Dortmund verschüttet. Meine Mutter, damals 40 Jahre alt, machte mit uns drei Kindern und ihrem Vater, meinem Großvater, die Flucht per Eisenbahn von Elbing über Stargard und Stettin in den Westen. Mein Großvater hat den Winter 1946 nicht überlebt.

Zurück in Hirschfeld blieb niemand. Vor 50 Jahren erzählte mein Onkel mir noch einmal die Geschichte ihrer Flucht übers Haff. Erschütternd wie er erzählte, einige seiner Pferde musste er auf dem Hof in Hirschfeld zurücklassen. Ich sehe ihn heute noch weinen. Die ostpreußischen Bauern hatten eine tiefe Beziehung zu ihren Pferden, wussten sie doch, ohne die Tiere war eine Bewirtschaftung der Höfe ausgeschlossen. Sie waren unerhört fleißig und hatten hohe wirtschaftliche Erträge. Wie sauber ihre Höfe doch waren. Meine Tochter Tanja lebt in Australien, auch sie hat Pferde.

Bei Kriegsende war ich dann 7 Jahre alt. Die erste Zeit hofften die Erwachsenen immer noch auf eine Rückkehr in ihre Heimat. Wie dann aber die Hoffnung kleiner wurde, wie erste Flüchtlingsmädchen in Bauernhöfe einheirateten und wie dann bei den Menschen das Verstehen kam, sie konnten nicht mehr zurück. Von meiner Familie hat in den 60er Jahren eine Cousine das Anwesen in Hirschfeld besucht. Später war wohl niemand mehr da. Zum hundertsten Geburtstag meine Mutter plante ich eine Reise in ihre Heimat. Leider ist meine Verbundenheit zu ihrer und vielleicht auch meiner Heimat klein. Die deutschen Namen, die deutsche Sprache, die evangelischen Kirchen – sie sind nicht mehr. Es wurde so vieles zerstört, so vieles liegt brach. Und so blieb die Spurensuche der Familiengeschichte auf Überlieferungen meiner Eltern beschränkt - auf die Literatur. Natürlich bieten die neuen Entwicklungen große Chancen. Meine Mutter wurde 95 Jahre alt. Oft hatte ich ihr angeboten, sie auf einer Reise in die alte Heimat zu begleiten: allein, sie wollte die Erinnerung behalten, Erinnerungen an ihre Heimat.

Günter Klepke

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