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Geschichte der Stadt Gumbinnen an der Pissa

Bei Gumbinnen bis in den Kreis Stallupönen findet sich der nach dem Gebiet der Litauischen Niederung fruchtbarste Ackerboden der Provinz Ostpreußen. Bis in die Zeit um 1700 war Gumbinnen aber ein kleines Nest und hatte nur wenige Gehöfte. Nachdem jedoch die Große Pest 1709 - 1711 große Teile Ostpreußens entvölkert hatte, wurde Gumbinnen das Organisationszentrum für die Neubesiedlung, das „Retablissement" Friedrich Wilhelms I. Der König richtete 1723 hier die „Litauische Deputation“ für die Verwaltung des östlichen, litauischen Teils von Preußen ein, aus der 1736 die Kriegs- und Domänenkammer und 1816 die Regierung hervorging. Damit ist Gumbinnen seit 1724 Regierungssitz. Erster Präsident war Matthias Christoph von Bredow. Als Sitz der Regierung entwarf Joachim Ludwig Schultheiß von Unfried ein „Conferenzgebäude“, das 1727 gebaut wurde.

1724 erhob der König Gumbinnen zur Stadt. In der Folgezeit wurde deren Entwicklung geprägt durch die Einwanderung von Glaubensflüchtlingen aus Salzburg, Hugenotten aus Frankreich, Calvinisten aus der Schweiz und von Mennoniten aus Holland, aber auch von Zuwanderern aus Schottland, Litauen, Polen und aus verschiedenen deutschen Fürstentümern. Gumbinnen wurde zum Regierungssitz für den östlichsten Regierungsbezirk des Deutschen Reichs bis 1945 mit etlichen Behörden und einer Garnison und war demzufolge eine stark von Beamten geprägte Stadt.

Zwischen 1730 und 1740 wurden alle Hauptstrassen Gumbinnens gepflastert, vornehmlich auf Staatskosten. Wie streng man in Preußen die Veruntreuung von Staatsgeldern ahndete, ist ebenfalls aus dieser Zeit überliefert. Der Kriegs- und Domänenrat von Schlubhut, der beim Bau seines Hauses in Gumbinnen, zu dem ihn der König gedrängt hatte, in finanzielle Schwierigkeiten geriet, lieh sich entgegen den Vorschriften Geld aus der Staatskasse. Dafür wurde er am 25. August 1731 in Königsberg exekutiert.

1812 lagerte hier der Hauptteil der französischen Armee auf dem Weg nach Moskau und Napoleon selbst verbrachte hier 3 Tage.

Von 1839 – 1845 war Carl Gustav Friedrich Hasselbach Regierungsrat in Gumbinnen. Dieser Beamte steht in den Annalen als einer der herausragenden Bürgermeister von Magdeburg, der diese Stadt von 1851 – 1881 regierte und so erfolgreich wirkte, dass man heute noch einen zentralen Platz nach ihm benannte und einem Brunnen seinen Namen gab.

Um die Landwirtschaft zu fördern, richtete man im 19. Jh. in Ostpreußen „landwirtschaftliche Winterschulen“ ein, die später schlicht „landwirtschaftliche Schulen" genannt wurden. Zu Beginn des 1. Weltkriegs gab es 19 landwirtschaftliche Schulen in Ostpreußen, doch die erste wurde 1874 in Gumbinnen gegründet. Der Unterricht erstreckte sich nach dem 1. Weltkrieg über zwei Winterhalbjahre. Neben allgemeinbildenden Fächern gab es spezifische Unterrichtsschwerpunkte in Bodenkunde, Pflanzenanbau, Tierzüchtung, Haltung von Haustieren, Tierheilkunde, Betriebslehre, Geschäftsverkehr, Buchführung, Gesetzes- und Verwaltungskunde.[1]

Am 20. August 1914 fand bei Gumbinnen eine Schlacht statt, an der 200.000 russische Soldaten unter General Paul Karlowitsch Edler von Rennenkampf einer Streitmacht von 150.000 Preußen gegenüber standen, die von General von Prittwitz befehligt wurde. Die Preußen unterlagen, was General v. Prittwitz veranlasste, sich zurückzuziehen und Ostpreußen aufzugeben. Das führte zu seiner Ablösung. Er wurde durch den reaktivierten General von Hindenburg ersetzt, der von General Ludendorff als Generalstabchef unterstützt wurde. Gleichzeitig nutzte General Samsonow die günstige Gelegenheit, im Süden Ostpreußens vorzustoßen, wo diese russische Armee dann von General v. Hindenburg in einer Kesselschlacht vernichtet wurde. Der Sieg bei Gumbinnen erfüllt die Russen auch nach 100 Jahren noch mit Stolz, der u. a darin zum Ausdruck kommt, dass auf dem Schlachtfeld zu diesem Jubiläum eine Gedenkstätte eingeweiht werden soll. Vor der Stadthalle in Kaliningrad - Königsberg steht neuerdings schon mal eine Stele, die elektronisch angibt, wie viel Tage bis zum 20. August 2014 noch vergehen werden.[2]

Seit 1925 wurden sportliche Ostpreußenfahrten mit dem Automobil veranstaltet. Daran nahm des Öfteren auch der in Gumbinnen ansässige Hans Tanck teil. Er war Generalvertreter des Autoherstellers Auto-Union mit den Marken DKW, Wanderer und Horch. Die Strecke verlief nicht nur über befestigte Straßen, sondern mitunter auf Feldwegen und durch Schlammlöcher. 1935 gingen 453 Fahrer an den Start, aber nur 151 Fahrer kamen ins Ziel. Hans Tanck blieb dabei strafpunktefrei und erzielte ein gutes Ergebnis.[3]

Am 16. Oktober 1944 warfen 500 russische Flugzeuge tonnenweise Brand- und Sprengbomben auf die Stadt. Am 20. Oktober kamen die sowjetischen Truppen bis auf 7 km an Gumbinnen heran und die Stadt musste geräumt werden. Bei der Eroberung Ostpreußens durch die Rote Armee 1945 wurde Gumbinnen endgültig zu zwei Dritteln zerstört. Seinen neuen russischen Namen erhielt der Ort zu Ehren des im Kampf um Gumbinnen gefallenen Hauptmanns Sergej Iwanowitsch Gusev.[4]

Juden gab es in Gumbinnen ab 1767. Der erste jüdische Mitbürger in Gumbinnen war der der Graveur und Steinschneider Daniel Joel, der das preußische Schutzprivileg erworben hatte. Er besorgte die Einrichtung einer Betstube und die Anlage eines Friedhofs. Das erste Grab wurde am 27. Dezember 1768 für Elias Kiewe aus Krojanke eingeweiht, der während des Besuchs des Jahrmarkts in Darkehmen gestorben war. Zugewanderte Juden aus Krojanke, Flatow und Tütz sorgten für den Absatz der Produkte der neu entstandenen Gumbinner Tuchindustrie nah Polen.[5]

Insbesondere seit dem Preußischen Judengesetz vom 11. März 1812, das den Juden in Preußen die rechtliche Gleichstellung gewährte, zogen etliche Juden auch nach Gumbinnen. 1845 zählte man 53 jüdische Seelen.[6] Mit dem Erstarken der Tuchindustrie im polnischen Lodz wanderte viele zugezogene Gumbinner Juden bald wieder nach dorthin ab. Erst in der 2. Hälfte des 19. Jhs. gab es wieder eine größere Anzahl Juden in Gumbinnen. 1871 zählte man 137 Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Aus dieser Zeit gibt es Nachrichten über die Synagoge in der Langen Reihe, vis à vis der Rückfront der Neuen Regierung, die möglicherweise durch Umbau und Erweiterung aus der alten Betstube von 1767 hervorging und architektonisch nicht sonderlich spektakulär war[7]. In Folge von Progromen in Russland emigrierten viele russische Juden auch nach Ostpreußen und nach Gumbinnen.[8]

Die Anzahl der jüdischen Bürger in Gumbinnen stieg bis 1932/33 auf 208. Noch im Adressbuch von 1925 findet man einige jüdische Geschäftsleute Jakob Lindenstrauss, Synagogenverwalter, Ältester im Ältestenrat und Betreiber eines 1883 gegründeten Kaufhauses in der Königstrasse 1, das Manufakturgeschäft Heinz Rubinstein in der Königsstrasse 18, das Großtextilgeschäft Dembinski und Söhne in der Königsstrasse 6, den Pferde- und Altmaterialhändler Eugen Gerson in der Friedrichstrasse 13, der Textilkaufmann Lück, erfolgreicher Mittelläufer beim 1. FC Preußen, den Altmaterialhändler Hirsch Wartelski in der Goldaper Str. 13, die Produktenhändler Konitzki in der Wilhelmstrasse 24 und der Goldaper Strasse 22, die Konfektionäre H. Moses und J. Katzki., Königsstrasse 9, Kaufmann Louis Brasch in der Königsstrasse 14, die Pferdehändler Abraham, Max, Isodor und Otto Brilling in der Bismarckstrasse 24, der Kaufmann Joseph Cohn in der Königsstrasse 9, der Kaufmann Max Rodominski in der Königsstrasse 28, Träger des EK 1, Sally Rodominsky und die Hausbesitzerin Rahel Rodominsky in der Königsstrasse 33, der Kaufmann Louis Wolf in der Dammstrasse 6, Träger des EK 1, [9] Im Jahr 2009 fand man noch einige Reste alter Grabsteine des jüdischen Friedhofs, darunter den von Eugen Rau und von Lucie Rau geb. Levy.

Die Juden erlitten in Gumbinnen dasselbe Schicksal wie andernorts auch. Die Synagoge wurde in der Reichspogromnacht durch Brand vernichtet. Wer nicht floh oder ausgewiesen wurde, wurde ermordet, und nur wenig erinnert an sie. Bekannt ist allerdings das Schicksal von Max Finkelstein und Jerry Lindenstrauss (siehe unter Prominente Gumbinner).

Der Organist Arthur Altmann (7. 2. 1873 - ) wurde als ältester von drei Söhnen einer jüdischen Familie in Gumbinnen geboren. Um die Wende zum 20.Jh. absolvierte er ein Musikstudium in Köln. Ab 1901 war er in Königsberg ansässig, konvertierte zum christlichen Glauben und wirkte als Schulmusiklehrer, Organist, Chorleiter, Komponist und Musikschriftsteller. Er war Lehrer am Königsberger Konservatorium, an der Musikalischen Akademie und an einem Lyzeum, leitete die Altmannsche Madrigalvereinigung und war Organist an der Burgkirche. Die Nationalsozialisten erwirkten 1935 seine Vertreibung aus allen musikalischen Ämtern. Er war verheiratet, aber kinderlos. Als am Anfang der 1940er Jahre die Repression der Juden immer stärker wurde, zog er in ein samländisches Dorf in Küstennähe um und dann verliert sich die Spur seines Lebens.[10]

[1] H. K., Vor 90 Jahren wurde die Landwirtschaftsschule in Neidenburg gegründet, Neidenburger Heimatbrief, Pfingsten 1997, S. 30)
[2] Jurij Tschernyschew, Russen feiern zweifelhaften Sieg, Oprbl. Nr. 49/2013 (7. Dezember), s. 13
[3] Brigitte Stramm, von tohus, Nr. 74, S. 27 ff, kommentiert in Unser schönes Samland, Frühjahr 2015, S. 76 f
[4] Gumbinner Heimatbrief, Dez. 2008, S. 113/31
[5] Dr. Friedrich-Eberhard Hahn, Gumbinner Heimatbrief Juni 2013, S. 57
[6] Kleine statistische Notizen der israelitischen Gemeinde in Gumbinnen vom Jahre 1765 - 1845, Gumbinnen 1845 - in Kopie 2011 von Karin Banse aus New York mitgebracht, S. 26
[7] Karin Banse, Eine Suche ohne und mit Erfolg, Gumbinner Heimatbrief Dezember 2009, S. 49
[8] Dr. Friedrich-Eberhard Hahn, Gumbinner Heimatbrief Juni 2013, S. 57
[9] Adolf Diamant in Deutsch-Jüdische Zeitung vom 31. 3. 1978, abgedruckt in Heimatbrief Gumbinnen, Dez. 2009, S. 46 f, Dr. Friedrich-Eberhard Hahn, Gumbinner Heimatbrief Juni 2013, S. 58
[10] Prof. Hans Huchzermeyer in Ostpreußische Familie von Ruth Gaede, Oprbl. Nr. 49/2016 (9. Dezember), S. 14


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Max Finkelstein (Gumbinner Heimatbrief 2012)
 
 
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