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Kurortnoje - Groß Wohnsdorf und die Familie von Schrötter

Die hier auf dem hohen Ufer über der Alle gelegene prußische Wallburg Capostete wurde 1255 vom Orden erstürmt. Der legte ein Wildhaus an. 1319 und 1347 wurde die kleine Burg von den Litauern erobert und zerstört. Groß Wohnsdorf war ab 1348 Kammeramt der Ordensniederlassung Insterburg und die Anlage wurde bis 1356 wieder instand gesetzt. 1384 bestand sie als dreiflügeliges Wildhaus. Aufgrund der mangelnden Widerstandsfähigkeit von Holz-Erde-Konstruktionen ging der Orden ab 1391 daran, die bisherige Wehranlage durch Gebäude aus Stein zu ersetzen.[1[

1468 verpfändete der Hochmeisterstatthalter Heinrich Reuß von Plauen Burg und dazu gehörendes Land wegen ausstehender Soldforderungen an Hans von Weyer. Seitdem befand sich hier das Zentrum einer privaten Gutswirtschaft. 1525 belehnte Herzog Albrecht den Edelmann Heyno von Döberitz und 1552 Andreas von Flanns mit dem Gut. Die Gutsanlagen wurden um 1590 umgebaut und erweitert.

Seit 1688 oder 1702 bis 1945 gehörte der Besitz der Familie von Schrötter. Der spätere Oberpräsident und Staatsminister von Ost- und Westpreußen, Friedrich Leopold Freiherr von Schroetter (1. 2. 1743 – 30. 6. 1815), wohnte in jungen Jahren im Torturm mit damals noch funktionierender ordenszeitlicher Zentralheizung und führte zusammen mit seinem Vater auf der Terrasse des Turms philosophische Gespräche mit Immanuel Kant, der der Familie freundschaftlich verbunden war und sich gerne in Groß Wohnsdorf aufhielt. »Mir ist nur ein einziges Haus bekannt, das in meilenweiter Entfernung von Königsberg sehr oft auf mehrere Tage von unserm Weltweisen besucht worden ist und wo er sich so ganz nach seinem Geschmack glücklich gefühlt hat, nämlich das väterliche Haus des Ministers und des Kanzlers v. Schrötter zu Wohnsdorf. Kant wusste nicht genug zu rühmen, welche Humanität in diesem Hause seines Freundes geherrscht habe und mit welcher ausgezeichneten Freundschaft er von dem vortrefflichen Mann, gegen der er noch im Alter die größte Hochachtung hegte, stets aufgenommen worden ist. Besonders versicherte er deshalb hier die angenehmste ländliche Erholung gefunden zu haben, weil sein humaner Gastfreund ihn nie eingeschränkt habe, ganz wie in seinem eigenen Hause, nach seinem Geschmack zu leben.« (Jachmann, 1804)

Friedrich Leopold Frhr. v. Schrötter schlug die militärische Laufbahn ein und nahm bereits an zahlreichen Schlachten des siebenjährigen Krieges als Fähnrich und später als Leutnant teil. Sein Engagement im Rosenkreuzerorden 1782 – 1786 brachte ihn in Verbindung mit dem Thronfolger, dem späteren König Friedrich Wilhelm II. Schrötter arbeitete den Plan zur Organisation des Oberkriegskollegiums aus und dieser wurde realisiert. In diesem Kollegium erhielt er 1787 die Stelle eines Assessors und wurde 1790 zum Geheimen Oberfinanzrat beim Oberkriegskollegium mit Sitz und Stimme im General-Direktorium ernannt.[2] Nach dem Tod des Vaters übernahm er 1790 die Bewirtschaftung der Begüterung in Groß Wohnsdorf. Am 7. April 1791 machte ihn der König zum Oberpräsidenten der Ostpreußischen, Westpreußischen und Lithauischen Kriegs- und Domänenkammer und Mitglied der Westpreußischen Kammerdeputation zu Bromberg. Im selben Jahr erwarb er für 80.000 Taler das Gut Ripkeim im Kreis Wehlau. 1795 wurde v. Schrötter zum Staats- und Finanzminister von Ost- und Westpreußen ernannt. Die durch die 3. polnische Teilung erworbene Provinz Neuostpreußen wurde 1796 Schrötters Departement zugeschlagen.

Zum Kernpunkt der Schrötterschen Reformbemühungen gehörte die Aufhebung der Hand- und Spanndienste und deren Ersatz durch Geld und Getreideabgaben, und zwar 1802 in Westpreußen und 1804 in Ostpreußen. Schrötter galt als Befürworter einer Reform des preußischen Staates. Nach dem Tilsiter Frieden wurde er zum vielleicht wirksamsten und leistungsfähigsten Mitarbeiten des Freiherrn vom Stein. Die Reformgesetze von 1807 und 1808 wurden fast sämtlich in dem Schrötter unterstehenden preußischen Provinzdepartement erlassen. Infolge der Auflösung des Provinzialdepartements wurde er im Dezember 1808 aus dem Dienst entlassen und 1810 zum Mitglied des Geheimen Staatsrats, 1814 zum königlichen Kommissar bei der interimistischen Landes-Repräsentation ernannt.

Ein wesentliches kartografisches Werk geht auf Leopold von Schrötter zurück: das Kupferstichwerk „Karte von Ost-Preußen nebst Preußisch Litthauen und West- Preußen nebst dem Netzedistrict, aufgenommen unter Leitung des Kgl. Preuß. Staatsministers Frey - Herrn v. Schroetter in den Jahren 1796 bis 1802“. Das Ergebnis war der erste zuverlässige Atlas von Ostpreußen.[3]

Der trutzige Torturm in der Mitte der Südwestfront der Ordensburg entstand 1356. Im Gegensatz zu den Burggebäuden überstand er die nachfolgenden Jahrhunderte. Er ist dreigeschossig auf quadratischem Grundriss und verfügt über eine Fallgitternische mit Pechnase über dem Eingang. 1790 brannte der Turm ab, wurde aber von Friedrich Gilly, dem Sohn des Landbaumeisters David Gilly, wiederhergestellt, wobei er ein antikisierendes Kranzgesims hinzufügte und das Satteldach durch ein geschweiftes Bohlendach ersetzte. Der Turm verfügte wohl über eine ordenszeitliche Zentralheizung, die noch bis 1945 ihren Dienst verrichtet haben soll und alle Räume in den drei Stockwerken behaglich warm hielt.[4]

Die 1830 abgebrannten Burggebäude dagegen trug man danach ab und verwendete die Steine z. T. für das neue Gutsgebäude, das 1868/69 im Park auf dem Gelände der ehemaligen Vorburg auf Veranlassung von Hermann Leopold von Schroetter entstand.

In den letzten 50 deutschen Jahren wurde auf dem Gut eine intensive Pferdezucht betrieben. Es gelang in dieser Zeit, über 300 Hengste des Trakehner Warmbluts an die preußische Gestütsverwaltung zu liefern.

Vom spätklassizistischen Herrenhaus ist noch eine solide Ruine vorhanden, die erhebliche Verfallserscheinungen zeigt, aber im Erdgeschoss begehbar ist Das Gelände des Gutshauses einschließlich des noch vorhandenen Wirtschaftsgebäudes ist umzäunt und so vor Vandalismus geschützt. Der Torturm hat seit 1945 ein eingestürztes Dach und zerstörte Decken. Es stehen nur noch die Außenmauern, aber eine Bürgerinitiative beabsichtigt, den Ordensturm zu rekonstruieren.

Nahe Groß Wohsdorff gab es einen kleineren Stausee des Ostpreußenwerksfür Elektrizitätserzeugung, als die Alle zwischen Friedland und Groß Wohnsdorff 1922/23 aufgestaut wurde. Das Kraftwerk hier war das 2. nach Friedland und ist heute noch in Betrieb.


[1] Friedrich Borchert, Groß Wohnsdorf und Allenburg, Oprbl. Nr. 36/88, S. 12
[2] Wulf D. Wagner, Stationen einer Krönungsreise, S. 127
[3][Wulf D. Wagner, Stationen einer Krönungsreise, S. 129
[4][ Wanderung an der Alle, Ostprbl. Nr. 44/2012 (3. November), S. 20

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Groß Wohnsdorf, Vorfahrt, 2017
Groß Wohnsdorf, T-Flügel, 2017
Fundamentsteine Gutshaus, 2017
Gutshaus innen 2017
Gutshaus innen 2017
Speicher beim Gutshaus 2017
Ordensturm von Süden 2017
Ordensturm innen 2017
 
 
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