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Geschichte von Gwardejsk - Tapiau

Nachdem König Ottokar von Böhmen 1255 das Samland und das Gebiet östlich davon, für das vor 1450 die Bezeichnung Tapiom galt, durchzogen und unterworfen hatte, eroberte der Orden 1265 die am Zufluss der Deime auf dem hohen nördlichen Ufer des Pregel vermutlich lange bestehende und in der Ordenschronik von Dusburg erwähnte prußische Festung Sugurbi (Surgurbi, Suzurbi) und baute sie zur eigenen Burg aus. Der genaue Standort gegenüber von Fährkrug ist nicht mehr nachweisbar.

Unter Landmeister Ludwig von Beldersheim siedelte man in dieser Gegend prußische Stammesführer an, die sich um den Orden besonders verdient gemacht hatten und stattete sie mit Land aus.

Mit der hier beabsichtigten Gründung einer Komturei verlegte man um 1280 den Standort der Burg auf das Ostufer der Deime, dort, wo die Deime ein Knie macht und dann in den Pregel mündet. Der Bau des vierflügeligen Haupthauses und der Vorburg dauerte bis 1290. Komturssitz war die Burg aber nur 1297 bis 1301. Danach residierte hier nur noch ein Pfleger der Komturei Königsberg. Erster Pfleger hier war Heinrich von Dusemer. Er unternahm einige Kriegszüge nach Litauen, wurde dann aber von den Litauern unter Jagiello, Neffe von Kynstut, gefangen genommen und getötet. Trotz solcher Feindseligkeiten ließ sich 1385 der Litauerfürst Vytautas (Witowd, Witold) von Szameiten, Sohn des litauischen Thronanwärters Fürst Kynstut, in der Labiauer Burg taufen. Vytautas und Jagiello waren maßgeblich an der Begründung der polnisch-litauischen Union (Personalunion) beteiligt.

Außerhalb der Burg entwickelte sich auf der Westseite der Deime eine Siedlung, die erstmalig 1450 urkundlich erwähnt wurde und sich nach und nach zu einer Lischke entwickelte.

Zu Beginn des Städtekrieges 1454 schloss sich Tapiau dem aufständischen Preußischen Bund an, wurde jedoch am 16. 4. 1456 vom Orden erobert.

Der Kreis Wehlau wurde hauptsächlich von den Söhnen und Enkeln der ersten deutschen Siedler kultiviert mit einem Höhepunkt in der Mitte des 14. Jhs. Dazu wurde das Ackerland durch Rodung der umfangreichen Wälder gewonnen. Für diese Rodungen hatte der Orden zahlreiche Waldämter gegründet und eines von diesen war das Waldamt Tapiau, zu dem die Städte Wehlau und Labiau sowie 20 Dörfer gehörten und das eine Fläche von rd. 1.000 Hufen = ca. 17.000 ha umfasste. Dazu gehörte auch der Hof Tapiau, später der „Große Hof“ genannt, sowie der Hof in Alt-Wehlau vor den Toren von Wehlau. Der Große Hof brannte 1636 völlig ab, wurde bis 1641 wieder aufgebaut und 1647 an den Amtshauptmann und Landhofmeister Ernst von Wallenrodt verpachtet. Im 17. Jh. wurde das Amt Tapiau an einen Generalpächter vergeben, der für die Domänenkammer auch die Steuern, Zölle und Pachten einziehen musste. Seit der Mitte des 16. Jhs. gab es dazu einen „Kleinen Hof“, der im 17. Jh. dem Großen Hof als Vorwerk zugeordnet wurde.

Mit Beginn der Herzogszeit wurde Tapiau zum Hauptamt erklärt. Die Burgen wurden mit dem dazu gehörenden Landbesitz in Domänen umgewandelt. Erster Amtmann in Tapiau von 1527 - 1538 war Daniel von Kuenheim auf Knauten, dessen Sohn Georg die jüngste Tochter Martin Luthers, Margarethe, geheiratet hatte (siehe Knauten und Mühlhausen im Kreis Pr. Eylau).

Um 1550 war ein Bartel Petzdorf Burggraf zu Tapiau, ein offenbar recht rabiater Zeitgenosse. Als er Dachziegel für sein neu gebautes Wohnhaus in Piaten, Kreis Insterburg, benötigte, ließ er 1551 kurzerhand die Kirche in Wehlau abdecken. Offenbar hatte er aber sein Fehlverhalten übertrieben, denn im Jahr 1567 wurde er von Herzog Albrecht aus dem Amt gejagt. Bartel Petzdorf starb wenig später und wurde in der Kirche zu Puschdorf begraben. Sein Sohn versank in Schulden und nachdem der Hof abgebrannt war, ging der Besitz der Familie verloren. Er wurde letztlich 1724 von Fürst Leopold von Anhalt-Dessau aufgekauft.

Herzog Albrecht hielt sich des Öfteren und gerne in Tapiau auf und verlegte seinen Wohnsitz hierher, als in Königsberg die Pest ausbrach. Gesundheitlich war er jedoch angeschlagen. Sein Zustand verschlechterte sich und am 20. März 1568 wurde er in Tapiau durch den Tod von seinen Leiden erlöst. Am selben Tag starb seine zweite Frau Anna Maria in Neuhausen an der Pest.

Am 28. Mai 1661 zerstörte ein verheerender Brand eine große Anzahl von Gebäuden in Tapiau, das sich inzwischen zu einer Lischke entwickelt hatte. Neben der Schule vernichtete das Feuer auch die Kirche. Deshalb mussten sämtliche Kirchenbücher neu angelegt werden. Ein weiteres großes Feuer ist für 1674 dokumentiert und eine Feuersbrunst am 13. Juli 1689 betraf erneut die Schule, dazu das Pfarrhaus und Häuser am Markt.

Aus der Lischke wurde am 30. April 1689 ein Marktflecken. Die Markttage im Frühling und Herbst waren jedoch bereits 1666 festgelegt worden und die Marktfleckenordnung, unterzeichnet vom Stadtrichter Johann Gottlieb Pleeb und vom Amtshauptmann von Schlieben, wurde bereis am 30. April 1684 veröffentlicht. Ein Postamt wurde 1699 eingerichtet.

Durch Patent vom 6. April 1722 erhob König Friedrich Wilhelm I. Tapiau zur Stadt. Demzufolge feierte man 1997 das 275jährige Stadtjubiläum. Mit der Stadtwerdung gab es statt des Schulzen einen Bürgermeister, als ersten Johann Christoph Schulz, der gleichzeitig Kirchenvorsteher war. Er war in diesem Gründungsjahr für nur 64 Bürger verantwortlich (wobei es mehr Einwohner gab, die aber wohl nicht zählten!). Da Tapiau relativ spät die Stadtrechte erlangte, wurde der Stadtgrundriss dann nach Plänen des königlichen Baumeisters Schultheiß von Unfried erheblich großzügiger angelegt als der von Wehlau und Allenburg, die als sehr ordenstypisch gelten.

Zu Tapiau gehörte die Domäne Kleinhof, eine der drei Domänen des Kreises Wehlau.

Im Verlauf des 7jährigen Krieges zogen am 17. Januar 1758 die Russen in Tapiau ein. Die preußischen Adler wurden durch den russischen Doppeladler ersetzt. Jetzt musste in allen Kirchen für die Kaiserin Elisabeth, den Großfürsten Peter und dessen Gemahlin gebetet werden.

Von 1769 – 1800 war Tapiau Garnisonsstadt. Ab 1779 war Tapiau Standort einer Invaliden-Kompanie.

1792 wurde unter König Friedrich Wilhelm II. auf den Grundmauern der Vorburg des Ordensschlosses am Ufer der Deime das Königliche Landarmen und Versorgungshaus zur Versorgung der kranken und invaliden Soldaten der friderizianischen Armee gebaut. Bald nahm man auch Bettler und Landstreicher auf, ab 1893 bis 1908 auch Blinde und Taubstumme, ab 1902 zusätzlich Geisteskranke. Damals entstand die Redensart: „Der kommt aus Tapiau …“. Ab 1933 fungierte die Einrichtung als Sicherungsverwahranstalt für Landstreicher, Dirnen und Asoziale.

Die Franzosenzeit unter Napoleon brachte auch für Tapiau die üblichen Belästigungen und Kontributionen. Noch dazu wurde Tapiau 1818 als Hauptstadt des Kreises Tapiau abgelöst und der neuen Hauptstadt Wehlau im Kreis Wehlau unterstellt.

Das Revolutionsjahr 1848 brachte für Tapiau eine Choleraepidemie, der 307 Bürger zum Opfer fielen.

Am 4. Juni 1860 wurde der Bahnhof eingeweiht und Tapiau damit an das Eisenbahnnetz der Strecke Königsberg – Eydtkuhnen angeschlossen. Um leichter dorthin zu gelangen, wurden Brücken über Deime und Pregel gebaut und 1868 die Bahnhofstrasse eröffnet. Eine Kleinbahnstrecke mit Verbindung nach Königsberg, Labiau und Friedland nahm 1898 den Betrieb auf.

1873 errichtete man das Kreiskrankenhaus und das Kreisarmenhaus. Für den ganzen Kreis Wehlau gab es nur ein aus drei Gebäuden bestehendes Krankenhaus in Tapiau mit 55 Betten. Zum Neubau des Kreiskrankenhauses in Wehlau kam es durch den 2. Weltkrieg nicht mehr.

Ein Schlachthof existierte sein 1897 hinter dem neuen Friedhof.

Wesentliche Einrichtungen der Provinzialverwaltung in Tapiau neben der Provinzial-Besserungsanstaltwar die über Ostpreußen hinaus bekannte Gartenbau- und Lehranstalt sowie die Heil- und Pflegeanstalt. Die 1893 gegründete „Provinzial Gärtner-Lehranstalt“ hatte die Aufgabe, den Schülern eine umfassende gärtnerische Ausbildung und gartenbauliches Wissen zu vermitteln. Neben dem Gemüsebau, der Aufzucht von Blumen und Ziersträuchern befasste man sich vor allem mit dem Heranziehen von Obstbäumen, die die langen und harten ostpreußischen Winter überstehen konnten, ohne an Haltbarkeit und Geschmack zu verlieren.

1792 wurde aufgrund königlicher Order im Ordensschloss ein Landarmen- und Versorgungshaus eingerichtet. Aus dieser entwickelte sich bald die „Correktions- und Besserungsanstalt“ für Landstreicher, Bettler, Zuhälter und Dirnen. Die Insassen sollten auf einen geordneten Lebensweg zurückgeführt werden, was mitunter auch gelang. Zur Anstalt gehörte auf dem Gelände der ehemaligen Vorburg ein „Bewahrungshaus“, in dem gewalttätige Geisteskranke, Mörder und Schwerverbrecher untergebracht wurden, aber auch ein Frauenhaus und etliche Werkstätten wie Tischlerei, Schmiede, Schuhmacherei und Weberei, während die männlichen Insassen in den Räumen der Ordensburg wohnten. Vor dem 1. Weltkrieg war die Anstalt mit etwa 300 Männern und 30 Frauen belegt. Danach sank die Zahl der Insassen so stark, dass das Frauenhaus und das Bewahrungsgebäude der Justiz als Gefängnis und Zuchthaus zur Verfügung gestellt wurden. In der Nazi-Zeit saßen hier viele politische Häftlinge ein. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Anstalt als Gefängnis weitergeführt.

Um 1900 reifte in der Provinzialverwaltung die Erkenntnis, dass die beiden Heil- und Pflegeanstalten in Kortau bei Allenstein und in Allenberg bei Wehlau für die Betreuung der geistig erkrankten Menschen nicht mehr ausreichten und man beschloss einen Neubau in Tapiau. Neben der Gärtnerlehranstalt und der Besserungsanstalt konnte man das Gelände der Fischerschen Obstplantage erwerben. Dort entstanden zwischen 1901 und 1912 Krankenhäuser mit insgesamt 1.200 Betten, ein Maschinenhaus, Wirtschaftshof, Leichenhalle und ein Verwaltungsgebäude. Nachdem man hier zunächst die unheilbar Geisteskranken konzentrierte, änderte man bald das Konzept und machte die Einrichtung in Tapiau zur 3. Heil- und Pflegeanstalt Ostpreußens.

Der Versorgung von Insassen und Pflegepersonal der Heil- und Pflegeanstalt sowie der Besserungsanstalt diente das Gut Hubenhofaußerhalb der Stadt, wo es 700 Meter südöstlich am ausgetrockneten Teich eine alte prußische Wehranlage gibt. Für die Gottesdienste stand eine Kirche in der Ordensburg zur Verfügung.

1902 wurde die neu gebaute Volksschule in der Königsberger Strasse ihrer Bestimmung übergeben. Laternen, mit Gas aus der 1902 neu gebauten Gasanstalt betrieben, lösten die stinkenden Petroleumlaternen ab.

Im 1. Weltkrieg lag Tapiau von Ende August bis zum 9. September unter heftigem russischem Artilleriefeuer, das schwere Schäden anrichtete. Das Hotel Schwarzer Adler brannte aus und die Munition der eroberten russischen Protzen in seinem Hof explodierte. Die Ordensburg brannte aus, die Kirche wurde beschädigt, das Postgebäude verbrannte, der Wasserturm der Heil- und Pflegeanstalt waren zerschossen. Noch rechtzeitig vorher, am 24. August, waren 700 Insassen der Anstalt zum Fußmarsch nach Königsberg aufgebrochen. Als man jedoch gewahr wurde, dass man den Russen direkt in die Arme lief, kehrte man hektisch um. Dabei suchte viele Geisteskranke das Weite und mussten erst später mühsam wieder eingefangen werden. Der Rest fuhr mit der Bahn von Tapiau ins sicherere Königsberg.

Doch Tapiau wurde nicht von russischem Militär eingenommen. Bald setzten die Wiederaufbauarbeiten ein.

Nach dem Ende der Inflation belebte sich die wirtschaftliche Entwicklung wieder. 1924/25 wurde Tapiau an das Stromnetz des Überlandwerks angeschlossen. Um den Wasserturm herum entstand eine neue Siedlung. Die Stadtschule erhielt einen Anbau. Die Kanalisation entstand mit Kläranlagen neben der Gastanstalt. Für das Militär wurden 1935 neue Kasernen gebaut. In diese zog ein Maschinengewehr-Bataillon ein. Doch dann kam der 2. Weltkrieg. 1944 lag in den Kasernen die Waffenschule der 3. Panzerarmee unter Oberst Knebel, der als „Löwe von Wehlau“ in die Annalen des Kreises einging.

Es gab in Tapiau eine kleine jüdische Gemeinde. Seit 1832 existierte ein jüdischer Friedhof und 1885 war die Anzahl der jüdischen Mitbürger mit 65 höher als die Anzahl der Katholiken in der Stadt. Seit 1931 wanderten viele Juden ab.

Die Heil- und Pflegeanstalt Tapiau, in der sich an die 2.000 Personen aufhielten, wurde bereits 1942 weitgehend geräumt und in ein Reserve-Lazarett umgewandelt, während die Pfleglinge zum Teil in der Landespflegeanstalt Uchtspringe, Kreis Gardelegen, unterkamen. Ein anderer Teil wurde mit einem Sonderzug von Königsberg aus einem unbekannten Ziel zugeführt, was vermutlich nichts Gutes für die Pfleglinge brachte. Das Lazarett wurde zwischen dem 15. und 20. Januar 1945 aufgelöst und die Kranken abtransportiert. Die nicht transportfähigen Patienten musste man ohne Pflegepersonal ihrem Schicksal überlassen.

Am 21. Januar 1945 erging in den Abendstunden an die Bevölkerung die Aufforderung, die Stadt zu verlassen. Die heillose, unorganisierte Flucht begann. Am 23. Januar wurde Tapiau von russischen Panzern beschossen und in der Folge die Stadt von den sowjetischen Truppen besetzt. Allerdings unterblieben die vielfach vorkommenden umfassenden Zerstörungen der Stadt, wohl auch aufgrund der Bemühungen des Pfarrers Hans Schneider (9. 8. 1866 – 21. 1. 1948), des letzten in Tapiau amtierenden deutschen Pfarrers, in dessen Pfarrhaus die sowjetische Kommandantur ihren Sitz genommen hatte.

Bis 1945 war Tapiau der Kreisstadt Wehlau untergeordnet. Da Wehlau durch die Kriegsereignisse jedoch zu stark zerstört worden war, folgte ihr Tapiau als Kreisstadt. Ihre Altstadt ist noch gut erhalten.

Die Stadtverwaltung von Tapiau hat dem russisch-deutschen Verein „Samland“ ein Haus in der ehemaligen Hindenburgstrasse, in dem zuletzt ein großer Kindergarten untergebracht war, für 15 Jahre verpachtet. Mit Mitteln, die von der Kreisgemeinschaft Wehlau e. V., dem Verein „Hilfe und Tat e.V.“ aus Ottersburg, dem Verein „Ostseebrücke e.V.“ aus Kiel, dem Verein „Prussia e.V.“ aus Duisburg und der Landsmannschaft Ostpreußen aufgebracht wurden, erfolgt unter der Federführung des Vereins „Aufbau Bernsteinland Ostpreußen e.V.“ die Renovierung und der Ausbau des Gebäudes zum „Samland-Haus“ als Haus der Begegnung. Im Erdgeschoß finden Deutsch-Kurse statt, im Dachgeschoß gibt es Gästezimmer. Die Einweihung fand am 15. Juni 2003 statt.

Am 27./28. 8. 2005 wurde Tapiau 740 Jahre alt, was in Gwardejsk entsprechend gefeiert wurde. Die Einwohner hatten sich mit Unterstützung durch das städtische Unternehmen "Tschistota" erfolgreich darum bemüht, Tapiau möglichst sauber und ansehnlich erscheinen zu lassen. Außerdem wurde die Aktion "Gwardejsk gegen Drogen" durchgeführt.

In Tapiau steht die einzige Nudelfabrik Nordostpreußens mit einer Kapazität von 40 - 45 to/Tag. Das russische Unternehmen Konversion und Wohnen hat in Zusammenarbeit mit der Buck-Inpar-Gruppe aus Pinnow in Brandenburg eine Offizierssiedlung in Tapiau errichtet. Diese fand auch die beachtete Aufmerksamkeit des seinerzeitigen brandenburgischen Ministerpräsidenten Stolpe anlässlich eines Besuchs in Nordostpreußen.

 
 
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