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Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600-1947

Christopher Clark, Deutsche Verlagsanstalt 39,90 €, München 2007
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Vor 60 Jahren lösten die Alliierten Preußen auf Der Brite Christopher Clark schrieb ein neues Preußen-Buch

Buchbesprechnung von Klaus Büstrin

Als die preußische Armee unter König Friedrich II. im Siebenjährigen Krieg einen Sieg bei Roßbach errang, fanden Dankgottesdienste statt, auch im Berliner Dom. Da verkündete ein Prediger, dass Gott Preußen vor allen anderen Ländern ausgezeichnet habe und die Preußen „zu seinem besonderen Volck erwehlt …“. Heinrich von Kleist ließ nach 1806, als die preußische Armee bei Auerstedt eine Niederlage gegen Napoleons Armee erlitt, in seinem Stück „Prinz Friedrich von Homburg“ einen seiner Protagonisten ausrufen „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs“. Dieses Wort wurde zur Parole der Nationalsozialisten, die das Stück als Erziehungsdrama erklärten. Hitler und seine Vasallen beschworen immer wieder das Preußentum, vor allem 1933. „Der Nationalsozialismus darf mit Fug und Recht von sich behaupten, dass er Preußentum sei. Wo immer wir Nationalsozialisten auch stehen, in ganz Deutschland sind wir Preußen“, meinte Propagandaminister Goebbels. Eine Postkarte zeigte in einer Montage Friedrich II., Bismarck, Hindenburg und Hitler. Darauf war zu lesen: „Was der König eroberte, der Fürst formte, der Feldmarschall verteidigte, rettete und einigte der Soldat“.
Waren der Adel und viele monarchistisch gesinnte Menschen zunächst noch davon überzeugt, dass Hitler nach dem Sturz Kaiser Wilhelms II. 1918 wieder eine Monarchie errichten wollte, so mussten sie mit großer Enttäuschung die politische Wirklichkeit in der NS-Zeit konstatieren: jegliche demokratische Staatsgestaltung hatte ein Ende gefunden. Antisemitismus, Lösung der „jüdischen Frage“, Konzentrationslager, Ermordung von Regime-Gegnern, Aufrüstung, Krieg. „Der todgeweihte Staat Preußen muss endlich getötet werden“ befanden nach dem Sieg über Deutschland Vertreter der alliierten Siegermächte. Die konsequente Reaktion war das Kontrollratsgesetz Nr. 46, das sie vor 60 Jahren am 25. Februar 1947 erließen: „Der Staat Preußen, seine Zentralregierung und alle nach geordneten Behörden werden hiermit aufgelöst (...). Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist, hat in Wirklichkeit zu bestehen aufgehört.“ So löste man den größten Einzelstaat des Deutschen Reiches mit fast 42 Millionen Einwohnern auf. Stalin soll zunächst noch gezögert haben, weil er noch hoffte, Preußen könnte der Kern eines vereinten Deutschland – unter seiner Kontrolle versteht sich – werden. Bemerkenswerterweise lebten gerade in der DDR dann preußische Traditionen vor allem im Militärwesen fort. Der 60. Jahrestag der formellen Auflösung des Staates ist also günstig für das Erscheinen eines Buches, das der in Cambridge lehrende Historiker Christopher Clark geschrieben hat und nun in der Deutschen Verlags-Anstalt München erschienen ist: „Preußen – Aufstieg und Niedergang. 1600-1947“.
Preußen war für die Alliierten einseitig verkürzt, so Clark, die Keimzelle des deutschen Militarismus, Kadavergehorsams und Obrigkeitsdenkens. Dass es eine andere Seite Preußens gab mit großen Reformern, Denkern und Künstlern wie Kant, Schinkel, Lenné, Kleist, Freiherr vom Stein, Hardenberg, den Humboldt, Theodor Fontane, der Widerstand der Männer und Frauen am 20. Juli 1944 gegen Hitler, die wunderbaren Kulturlandschaften in und um Potsdam oder in Rheinsberg – all dies war den vier Siegermächten vernachlässigenswert. Sie schlossen sich einem damals weit verbreiteten, nach Ansicht des Historikers Clark viel zu undifferenzierten Preußenbild an, wonach Preußen „der Fluch des neuzeitlichen Deutschlands“ gewesen sei. Die große Preußen-Ausstellung 1981 in West-Berlin hat dann vieles gerade gerückt, ohne zu beschönigen. „Die Wahrheit ist, dass Preußen ein europäischer Staat war, lange bevor es ein deutscher wurde. Deutschland war nicht die Erfüllung Preußens, sondern sein Verderben“, schreibt Clark in seinem Buch. Das Preußen, das die Alliierten meinten, hatte schon vor dem Kontrollratsgesetz nicht mehr richtig existiert. Schon die Herrschaft über das Deutsche Reich ab 1871 eröffnete gleichzeitig sein allmähliches Aufgehen in diesen Nationalstaat. Preußen war einer von 25 Bundesstaaten. 1918 schließlich war mit dem Sturz Wilhelm II. und damit der Hohenzollern der preußische Mythos erloschen.
Der Staat Preußen war aus zwei Wurzeln entstanden. Die eine war die Mark Brandenburg. 1415 belehnte Kaiser Sigismund den Burggrafen von Nürnberg, Friedrich von Hohenzollern, mit der Mark und machte ihn zum Kurfürsten. Friedrich gelang es in wenigen Jahren, die Grundlagen zum Aufstieg der Hohenzollern zu einem der mächtigsten europäischen Herrschaftshäuser zu legen. Unter preußischer Vorherrschaft einigte Bismarck 1871 Deutschland wieder zum Kaiserreich. Die zweite Wurzel war der Staat des Deutschen Ordens in Ost- und Westpreußen, der von Herzog von Masowien zur Hilfe gegen die heidnischen Preußen (oder Pruzzen) gerufen worden war. Der Orden gründete die Städte Thorn, Culm, oder Königsberg, die spätere Krönungsstadt preußischer Könige. Christopher Clark rechnet in seinem Buch nichts auf, hält sich nicht bei Legendenbildungen auf, die ja vielfach Nationalistisch-Militaristisches bereithielten. Seine Preußen-Darstellung auf 800 Seiten ist sehr kunstvoll und doch immer lesbar geschrieben. Aber der Autor wollte, wie er selbst sagte, aus der Historie keinerlei moralische oder politische Ratschläge für künftige Generationen ableiten, sondern das Preußenbild erweitern.

(aus Potsdamer Neuester Nachrichten, 27. 2. 2007)
 
 
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