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Geschichte von Ketrzyn - Rastenburg

Wenn man sich einst der Stadt, die sich auf einer Anhöhe ausbreitet, näherte, leuchteten einem schon von Weitem die roten Ziegeldächer entgegen. Daher gab es den Spruch: "Er glüht wie ein Rastenburger". Das Glühen ist inzwischen vielleicht etwas gedämpft, aber noch vorstellbar. Aber eine prußische Siedlung "Rast" (Pfahl, Pfeiler) existierte hier immerhin schon lange bevor die Ordensritter das Land eroberten.

• Auf den Anhöhen über der Guber - Guber errichtete die Komturei Balga um 1329 eine Holz-Erde-Burg, den befestigten Ort zum Rasten, die Rastenburg, die als vorgeschobener Grenzposten Schutz vor den Einfällen der Litauer gewähren sollte, aber nur ein Glied in der Kette von Bastionen am Rande der Wildnis bildete, die sich von Ragnit über Insterburg bis nach Allenstein und Osterode hinzog. Daneben steckte man die Grenzen einer befestigten Stadt ab, deren Einwohner von der Burg Sicherheit ehielten und die der Burg die wirtschaftliche Basis geben sollte.

• In der Folgezeit fielen 1345 und 1347 die Litauer unter ihren Anführern Olgierd und Kynstut über die im Werden begriffene Ansiedlung her und brandschatzten und zerstörten Burg und Wohngebäude. Die Reimchronik des Wigand von Marburg enthält Klagelieder zu diesen Ereignissen. Man machte sich jedoch unverdrossen an den Wiederaufbau der Häuser und Anlagen

• Als 1357 die Stadtbefestigungen endgültig fertig gestellt waren und man die Burg noch erweitert hatte, erhielt die Gemeinde das Stadtprivileg aus der Hand des Komturs von Balga, Henning Schindekopf

• Die Siedlung florierte. Bald war das ursprüngliche Areal zu klein und man musste um 1370 darangehen, eine Neustadt zu gründen. Im Jahr 1422 zählte man in der Altstadt 27 Häuser und in der Neustadt 19 Häuser.

• Die Burg war in der Folgezeit Sitz eines Pflegers der Komturei Balga. Ab 1410 unterstand der Pfleger direkt dem Hochmeister mit der Zuständigkeit für die Verwaltung der Gebiete Rastenburg, Rhein und Leunenburg, mit der kurzen Ausnahme der Jahre 1418 - 1422, wo die Burg zur Komturei Rhein gehörte. Michael Küchmeister von Sternberg (Hochmeister ab 1414) und Paul von Rußdorf (Hochmeister ab 1422) waren Pfleger in der Rastenburg. Letzterer erbat sich sogar 1440 vom Ordenskonvent die Rastenburg mit den damals vorhandenen Weinbergen zum Leibgedinge, denn damals wurde hier wie in den Gegenden vor Leunenburg, Rhein, Hohenrade im Kreis Königsberg, in Tapiau und v. a. bei Thorn Wein angebaut

• Zu Beginn des Städtekrieges (1454 - 1466) standen die Bürger auf der Seite des Preußischen Bundes und gegen den Orden, der sich in der Rastenburg verschanzt hatte. Als der Pfleger Wolfgang Sauer im Winter einen Ausfall gegen die Stadt wagte, wurde die Burg erobert, der Ordensrepräsentant aber gefangen genommen und ersäuft, indem man ein Loch in die dicke Eisschicht des Mühlenteichs schlug und den Pfleger unter das Eis schob. Innerhalb der nächsten 7 Jahre erhielten auch die Rastenburger Bürger ihre Blessuren durch den Orden und 1461 schloss man einen Waffenstillstand. Im Frieden von Thorn 1466 kam Rastenburg an den Orden zurück

  • - Nach der Säkularisation des Ordenslandes teilte man das Herzogtum Preußen in die drei Großkreise Samland, Natangen und Oberland ein, wobei Rastenburg das Verwaltungszentrum des Kreises Natangen wurde. Die 55 Kirchspiele untestanden nunmehr dem Rastenburger Erzpriester.

  • • In Rastenburg stand das älteste preußische Regiment in Garnison, das 1626 gegründete Grenadier-Rgt., das sich später „König Friedrich der Große“ (Drittes Ostpreußisches) Nr. 4 nannte. Der Wahlspruch des Regimentsgründers von 1626, Oberst Hillebrand von Kracht, lautete :“Lebe beständigk, kein Unglück ewigk“. Für diese Garnison startete man 1897 mit dem Bau von Kasernen, der am 1. 10. 1898 abgeschlossen war.

• Bis zur Mitte des 17. Jhs. galt Rastenburg als drittreichste Stadt in (Ost-) Preußen nach Königsberg und Memel mit einem zu versteuernden Vermögen, das auch 1067 Hufen Land (à ca. 16,5 ha) umfasste. Durch Naturkatastrophen, Stadtbrände, Plünderungen in den Kriegen der Nachordenszeit sowie durch die Pest ging der Reichtum schnell verloren. Auf der Vermögensliste des Herzogtums rangierte Rastenburg 1698 nur an der 6. Stelle. Allerdings hatte die Stadt das Glück, dass die Befestigungsanlagen dem Ansturm der Tataren 1656 standhielten und dass die große Pest 1709 - 1711 die Einwohner verschonte. 1785 zählte Rastenburg etwa 2.000 Einwohner in 342 Wohnhäusern sowie 9 Häusern auf dem Vorwerk

-p-Seit Anfang des 18. Jhs. existierte der durch Veränderung der Verwaltungsstruktur entstandene Landkreis Rastenburg mit einem Landrat an der Spitze und umfasste die Hauptämter Bartenstein, Rastenburg, Barten sowie das Erbamt Gerdauen. Die dann bis 1945 geltende Landkreiseinteilung stammte von der großen preußischen Verwaltungsreform 1818

• Im 1. Weltkrieg war Rastenburg knapp 2 Wochen von den Russen besetzt. Dabei gab es aber nur geringe Schäden, lediglich das Offizierskasino brannte ab. Der 2. Weltkrieg brachte dann erhebliche Zerstörungen, die jedoch vornehmlich nach der Besetzung eintraten

Namen der Stadt Rastenburg

Der deutsche Name Rastenburg stammt vermutlich vom prußischen Rast = Pfahl ab.

Nach dem 2. Weltkrieg wählten die Polen als neue Bezeichnung für die Stadt den Namen des bedeutenden masurischen Historikers, Ethnographen und Verfassers vieler Abhandlungen zur Geschichte Masurens, Wojciech Ketrzynski (11. 7. 1838 – 15. 1. 1918). Er wurde in Lötzen als Adalbert von Winkler mit polnischen Vorfahren, Sohn des preußischen Gendarmen Joseph von Winkler mit polnisch-kaschubischen Wurzeln und der deutschen Mutter Eleonore, geb. Raabe, geboren. Er besuchte das Vorgymnasium in Lötzen und bestand bereits 1855 dank seines großen Fleißes die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium in Rastenburg. In dieser Zeit – 1856 – wurde er von seiner Schwester darauf hingewiesen, dass sein Vater den polnischen Namen „Ketzynski“ trug, was ins Deutsche übersetzt „von Winkler“ hieß und somit einer polnischen Adelsfamilie aus dem kaschubischen Dorf Ketrzyno - Kantrschin entstammte und er damit auch Pole war. Dieses veranlasste ihn, polnisch zu lernen, seinen Namen in Wojciech Ketrzynski amtlich ändern zu lassen und sich mehr als Pole zu begreifen. Am 12. 3. 1859 legte er die Abiturprüfung ab und studierte an der Albertina in Königsberg Geschichte und Klassische Philosophie. In den nachfolgenden Jahren bereiste er das Land als Haus- und Wanderlehrer und widmete er sich geschichtlichen Studien, insbesondere den polnisch-sprachigen Masuren. Auf seinen Reisen lernte er den polnischen Teil seiner Familie kennen – den Onkel Michal Klinski, Bürgermeister von Koscierzyna, Tante Jadwiga Krohnke in Warschau und Angehörige in Tuchel. Er unterstützte dann 1863 die polnischen Aufständischen bei ihrem Kampf gegen Russland und wurde wegen eines verbotenen Waffentransports für die Aufständischen ins Gefängnis im Hohen Tor in Allenstein geworfen, aber bald wieder frei gelassen. Als er nach Krakau fahren wollte, um sein Studium zu beenden, wurde er erneut festgenommen und als Revolutionär vor Gericht gestellt. Deswegen saß er eineinhalb Jahre im Untersuchungsgefängnis in Berlin-Moabit und wurde dann zu einem Jahr Festungshaft in Glatz verurteilt. Die Haftbedingungen waren jedoch sehr human, es gab sogar einmal in der Woche freien Ausgang, sodass er in dieser Zeit an seiner Dissertation (De bello a Boleslao Magno cum Henrico rege Germaniae gesto a. 1002 – 1005) schreiben konnte. Am 22. April 1866 wurde er freigelassen und am 12. Dezember verließ er die Universität als Doktor der Philophie.[4] Zunächst arbeitete er als Bibliothekar in Posen und zog 1870 nach Lemberg, wo er sich vom wissenschaftlichen Sekretär bis zum Direktor der Ossolinkski-Nationalbibliothek 1876 heraufarbeitete und das Institut bis zu seinem Tod 1918 leitete.

Seit seiner Schrift „O Mazurach“ (Über Masuren) zählte er zum Gründungsvater der polnischen Masurenforschung und löste eine heftige Diskussion über die ethnische und nationale Zugehörigkeit der Masuren aus, womit er sich in den völkisch-nationalen deutschen Kreisen alles andere als Freunde schuf. Da Masuren historisch nie zu Polen gehört hatte, konnte er polnische Ansprüche auf Masuren nur aus sprachlichen, kulturellen und ethnischen Gegebenheiten ableiten. In seinem Bemühen, Masuren als polnische Provinz zu sehen, erhielt er u. a. Unterstützung vom Warschauer Generalsuperintendenten der evangelisch-lutherischen Kirche in Polen, Julius Bursche. Der entstammte auch einer deutschen Familie, wechselte seine Nationalität und war höchst interessiert daran, die 300.000 protestantischen masurischen Seelen in seinen Wirkungsbereich zu integrieren. Doch obwohl zur weiteren Förderung der propolnischen Einstellungen 1896 in Lyck die Gazeta Ludowa und 1897 die Masurische Volkspartei gegründet wurden, hielten die Masuren treu zu Preußen, wie die Abstimmungen nach dem 1. Weltkrieg deutlich machten.

Im 1. Weltkrieg war Rastenburg knapp 2 Wochen von den Russen besetzt. Dabei gab es aber nur geringe Schäden, lediglich das Offizierskasino brannte ab. Der 2. Weltkrieg brachte dann erhebliche Zerstörungen, die jedoch vornehmlich nach der Besetzung eintraten.

Etliche Rastenburger Gewerbebetriebe prägten die Wirtschaft der Kleinstadt. Die bedeutendsten waren die Zuckerfabrik Rastenburg AG, die Eisen- und Glockengießerei Gebrüder Reschke, die Eisengießerei und Maschinenfabrik Rudolf Lentz, die Rasttenburger Mühlenwerke Louis Kolmar, die Rastenburger Brauerei AG, die Hefefabrik H. Wilcke und die Lederfabrik Carl Hundrieser.[3]

Im alten Rastenburg lebten und arbeiteten viele Juden, mit 100 Seelen um 1900 so viele, dass die alte Synagoge am Rollberg zu klein und ab 1916 durch einen Neubau aabgelöst wurde. Die Juden in Rastenburg waren Ärzte, Rechtsanwälte, Fabrikanten, Immobilienbesitzer und Kaufleute mit Großhandel- und Einzelhandelsgeschäften für Textilien, Porzellan, Glas, Konfitüren, Zigarren sowie einem Warenhausbesitzer. Zu den vermögendsten Mitgliedern der Gemeinde zählte die Familie Beer, die eine Fabrik zur Herstellung von Essig und Mineralwasser, später auch von Likören betrieb. Es gibt einen Artikel von Wolfgang Zeihe „Die jüdischen Bürger unserer Stadt“, abgedruckt in „Rund um die Rastenburg“.[2]

In Rastenburg wurde der Bildhauer und Grafiker Waldemar Grzimek (5. 12. 1918 – 26. 5. 1984) geboren. Seine Kindheit verlebte er jedoch in Königsberg und in Berlin. 1937 nahm Grzimek ein Studium an der Berliner Hochschule für Bildende Künste bei Wilhelm Gerstel auf. Durch Vermittlung des mit ihm befreundeten Bildhauers Gerhard Marcks erhielt er 1946 eine Stelle als Leiter der Fachklasse für Angewandte Plastik an der Kunstschule Burg Giebichenstein in Halle an der Saale. Sein plastischer Nachlass befindet sich seit 2005 im Gerhard-Marcks-Haus in Bremen. Diese Sammlung wurde 2006 durch eine Schenkung seiner Tochter Jana Grzimek ergänzt, die dem Haus 250 Zeichnungen und 100 Druckgraphiken ihres Vaters vermachte. Darunter befindet sich auch die 1975 angefertigte Lithographie von Gerhard Marcks, von dem er bereits 1960 einen Bronzekopf gestaltet hatte. Zu seinen Werken gehört auch das 1977 vollendete Bronzeportal „Gefahren und Kreatur“ für das Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg. Er ruht in einem Ehrengrab auf dem Städtischen Friedhof in Berlin Dahlem I, Königin-Luise- Straße 57.

Joachim Ringelnatz (7. August 1883 – 12. 11. 1934), Seemann und Dichter, heiratete 1920 die Tochter Leonharda des Rastenburger Bürgermeisters Pieper, die er liebevoll „Muschelkalk“ nannte. Als er 1929 die Heimat seiner Frau besuchte, verfasste er auch ein Gedicht über Königsberg, in dem er von den ostpreußischen Frauen schwärmt :

Die Mädchen, die mir’s angetan,
Die wirkten so wie Weizen
Und schmeckten doch wie Marzipan
Nur kräftig und gesalzen [1]

In Rastenburg wurden 1863 der Dichter Arno Holz und 1919 der Schriftsteller Heinz Georg Podehl geboren. Über den berühmtesten Sohn Rastenburgs, Arno Holz, siehe nächstes Kapitel


[1] Silke Osman, Den Stein der Narren entdeckt, PAZ Nr. 31, 2. 8. 08, S. 9
[2] Paul Nickel, Geschichte der Juden Rastenburgs, Masurische Storchenpost, Oktober 2017, S. 38 f
[3] Der Kreis Rastenburg in der Vergangenheit, Kulturzentrum Osptreußen in Ellingen, 2018, S. 29
[4] Emilia Figura – Oselkowska, „Pole, Deutscher oder Masure?“, Masurische Storchenpost August 2009, S. 25 f; Grzegorz Supady, Wojciech Ketrzynskis Einstellung zur deutschen Sprache, Masurische Storchenpost, Februar 2021, S. 16 f

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Eisenbahnlinie mit St. Georg (Mariusz Wdziekonski 2013)
 
 
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