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Geschichte des Dorfes Roedszen/ Roeden

nach Berichten unseres Vaters Hans Ritter, die er nach dem Krieg im Internierungslager aufgeschrieben hat

1946- dieses habe ich im Internierungslager Neumünster geschrieben; es behandelt die Geschichte meines Heimatdorfes Roeden, Kreis Gumbinnen Ostpreußen., das wir am 20.10. 1944 schleunigst verlassen mussten, da der Russe ein paar Kilometer davor stand und eine Gegenwehr deutscher Kräfte bei der damaligen Demoralisierung derselben nicht zu denken war.

Es war im Februar, als ich diese Aufzeichnungen machte und ich dachte zurück an die 300 –Jahr- Feier, die wir am 24. 2. 1944 begangen hatten.

Alle Aufzeichnungen sind nach dem Gedächtnis geschrieben, da irgendwelche Unterlagen nicht vorhanden sind. Sie sind vielmehr restlos verloren gegangen. Was ich hier geschrieben habe, stammt von meinem Besuch beim Preußischen Staatsarchiv in Königsberg Pr.

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Geschichte des Dorfes Roedszen/ Roeden
nach Berichten unseres Vaters Hans Ritter, die er nach dem Krieg im Internierungslager aufgeschrieben hat

1946- dieses habe ich im Internierungslager Neumünster geschrieben; es behandelt die Geschichte meines Heimatdorfes Roeden, Kreis Gumbinnen Ostpreußen., das wir am 20.10. 1944 schleunigst verlassen mussten, da der Russe ein paar Kilometer davor stand und eine Gegenwehr deutscher Kräfte bei der damaligen Demoralisierung derselben nicht zu denken war.

Es war im Februar, als ich diese Aufzeichnungen machte und ich dachte zurück an die 300 –Jahr- Feier, die wir am 24. 2. 1944 begangen hatten.

Alle Aufzeichnungen sind nach dem Gedächtnis geschrieben, da irgendwelche Unterlagen nicht vorhanden sind. Sie sind vielmehr restlos verloren gegangen. Was ich hier geschrieben habe, stammt von meinem Besuch beim Preußischen Staatsarchiv in Königsberg Pr.

Am 10.10.1932 besuchte ich gelegentlich einer Dienstfahrt das Staatsarchiv Königsberg, um etwas über die Entstehung meines Heimatdorfes zu erfahren, denn es waren mir oft bei der Ackerarbeit, besonders beim Pflügen, Gedanken gekommen, wie lange wohl der Boden in Kultur sein mag. Ich konnte damals feststellen, dass auf einer primitiven Karte unser Nachbarortes Jodszen aus dem Jahre 1590 Roedszen bereits erwähnt war. Die Karte von Jodszen stellt ein Fünfeck dar in dessen Mitte einige Häuschen gezeichnet waren. Diese waren als Dorflage Jodszen bezeichnet. Auf der Karte stand in Mönchsschrift, die ich allein schlecht lesen konnte und ein Beamter des Archivs mir vorlas, folgende Aufschrift: Eine Ecke mit Roedszen gekennzeichnet durch einen Eichenstubben mit 2 Kerben im Westen. In ähnlicher Weise war die nördliche Ecke mit Schestoken (Peterstal), 2 Ecken im Nordwesten und Osten mit Prasfeld und eine Ecke im Süden mit: die Wildnis gekennzeichnet. Von der letzteren Ecke bis zur Ecke mit Roedszen stand eine 29 Seil lange Front mit der Wildnis (wie viel Meter lang ein Seil ist, weiß ich nicht) Ob die damalige Anordnung der Grenzen von Jodszen mit denen von 1944 übereinstimmten, ist mir nicht bekannt. Es ist aber anzunehmen, dass sie sich im Laufe von 300 Jahren mehr oder minder verschoben haben. Die Zeit von 1590 kann aber für die Anfänge der Siedlung als richtig angenommen werden können, denn bereits um 1557 ist für den Nachbarort Schestoken ein Hochzinser erwähnt. Für die Orte am Flusslauf der Rominte, besonders Prasslauken, kann man eine Siedlung um 1530 annehmen. Ich habe das einmal in einer Abhandlung von Fritz Schutz- Gumbinnen - über die Besiedlung unseres Heimatgebietes gelesen. Dabei ist Großwaltersdorf( Walterkehmen)nach einem Siedler Walther, Tellrode (Tellitzkehmen) nach einem Tallitzke, Prasfeld (Prastfeld, Praßlauken nach schlechtem ( prast ) Land benannt worden. Matzhausen (Matzutkehmen) ist nach dem Gründer oder Schulzen Matzuttis benannt worden.

Nach einer Urkunde vom 24.02. 1644, deren Abschrift ich auf dem Staatsarchiv vorfand, wurde Klein Pillkallen ( so wurde unser Ort damals benannt ) im Gegensatz zu dem 2 km nördlich gelegenen Gr. Pillkallen (Hoheneck) an einen gewissen Johann Sabrowski überschrieben. Es hieß zuerst Klein Pillkallen und war ab 1564 mit Jodszen zusammen. 1584 wird Roedszen erwähnt, alle Zinser bis zu unserer Zeit hießen Sabrowski Es heißt in der Urkunde, dass Sabrowski sich verpflichtet, mit seiner Mannschaft das Dorf auszubauen. Das Dorf hatte bis 1644 über 20 Jahre wüst gelegen, das war in der Urkunde vermerkt worden. Wer der erste Gründer des Ortes gewesen war und ob evtl. eine vorgeschichtliche Siedlung an der Stelle gewesen war, ist leider nicht mehr zu ermitteln gewesen. Vielleicht ist es der späteren Forschung vorbehalten, darüber Näheres auszukundschaften. Vielleicht finden sich später Menschen, die die Heimat lieben und darüber Nachforschungen anstellen, wer der erste Siedler war und wie die Geschichte des Ortes im Anfang war.

Über die Anlage des Dorfes ist zu sagen, dass alles sehr gut ausgedacht und ausgesucht ist. Im Norden der Dorfteich oder früher mehrere, dann anschießend im Westen Moor- und Sumpfgelände. Mit diesem verbunden im Süden, wo die Dorfgärten und Baustellen aufhörten ebenfalls Teich und Sumpfgelände, das sich im Osten der Dorflage hinzieht. Nur ein schmaler Zugang im NO nach Hoheneck und Peterstal- Schwarzenau.

Dem Johann Sabrowski, der wahrscheinlich schon in Gr. Pillkallen oder Schwarzenau ansässig war, wurden laut Urkunde 3 Freijahre gewährt. Wenn sich das Land als nicht ertragreich erweist und er in nicht Roedszen bleiben kann, sollen ihm der Bau der Gebäude, die Mühe und Arbeit und die wenigen baren Auslagen ersetzt werden. Er ist berechtigt, Bier zu brauen aber nicht zu verkaufen. Das Dorf heißt nun Klein Pillkallen im Gawaitischen Amte des Hauptamtes Insterburg (Urkunde vom 24.2. 1644). Nach einer Urkunde vom 26.2.1646 werden folgende Abgaben pro Hufe verlangt: 1 Scheffel Roggen, 1 Scheffel Gerste, 1 Scheffel Hafer und 1 1/2 Achtel Holz, sowie die Hälfte des anfallenden Honigs. Das Dorf wird damals als Kl. Pillkallen,im Amt Kiauten, Kreis Goldap gekennzeichnet.

Johann Sabrowski ist vom Scharwerksdienst befreit. Er hat laut Privileg vom 15.10.1650 ein Köllmisches Grundstück (d.h. er ist ein freier Bauer, der sein Grundstück an den ältesten Sohn oder die Tochter weitergeben kann; er ist zinspflichtig aber hat keinen Handdienst zu leisten). Die anderen Bauern sind als sogenannte Schatullbauern angesetzt. Sie müssen ihre Abgaben an das Staatsoberhaupt entrichten. Schatullbauern wurden nur in Waldsiedlungen angesetzt. Die sogenannte Mannschaft des Johann Sabrowski waren die anderen (Scharwerksbauern) in Roedszen angesetzten Bauern. Diese waren zum Scharwerk auf der Domäne Kiauten verpflichtet Dort war das Amt (die Gerichtsbarkeit) dem sie untertan waren, im wahrsten Sinne des Wortes. An barem Geld waren zu zahlen durch Johann Sabrowski 192 Groschen (pro Hufe 16) im Jahr. Auf dem Staatsarchiv war dann noch eine Urkunde aus dem Jahre 1664 und dann reißt der Faden ab. In dieser Urkunde heißt es, dass der Kaufpreis pro Hufe 20 Mark betragen soll. Die 12 Hufen kosteten also 240 Mark. Wenn die Gemarkung damals so groß war wie heute und nicht Land an andere Gemeinden abgegangen ist, so waren es 810 Morgen, wovon aber viel Unland, Wald und Sumpf war. Zu Klein Pillkallen gehörten damals wie schon erwähnt 12 Hufen während Groß Pillkallen 9 Hufen groß war. Man kann eine Hufe mit 60-65 Morgen groß annehmen.

Die angrenzenden Gemeinden waren im Jahre 1644. Im Westen: Gagellaitschen ( Joglehnen/ Jürgendorf, im Norden: Gr. Pillkallen, im Nordosten: Szestoken/ Peterstal, im Osten: Jodszen/ Schwarzenau und im Süden die Wildnis.

Die Zeit von 1644 bis 1792 ist ohne schriftliche oder mündliche Überlieferung. Die Urkunde von 1792 befand sich in meinem Grundbuche, war also der 1. von dem Köllmischen Rechte Hof des Christian Sabrowski und dessen Ehefrau Annemarie Alester. Außerdem sind in diesem Jahre nachstehende Grundstücke vorhanden:

2. Johns Szidatis und Ester Neubauer

3. Johns Pudlatis und Regina Neubauer (Tochter von oben)

4. Daniel Sabrowski - heute Neubauer

5.Albrecht Sabrowski – heute Heldt

6. Adam Lange – heute Nehrkorn

7. Belitz –heute Steinbacher

8. Lehmann –heute Heinacker

9. Müller

10.Friedrich Balszukat und Magdalene Hahn (verkauft an Neubauer)

Diese Besitzverteilung änderte sich im Laufe der Jahre. Meistens trat Besitzerwechsel durch Einheirat und Verkauf ein. Nach ca. 40 Jahren im Jahre 1834 finden wir folgende Besitzer:

1.Johann Matthée und Dorothea Neubauer

2.Christian Szidat und Marie Neubauer

3. Marszus Pudlat (Enkel von 1792) und Ehefrau geb. Zabel

4.Witwe (von George Neubauer) Annemarie Neubauer geb. Schulz

5.Albrecht Sabrowski und Ehefrau geb. Didszeweit

6.Friedrich Scheffler und Ehefrau geb. Hardt

7.Isaak Matthée und Ehefrau geb. Belitz

8.Heinacker

9.Daniel Lasch und Wilhelm Lasch Eigenkätner (d.h. sie hatten ein wenig Land und waren sonst Landarbeiter)

Soviel ich aus der Zeit von 1792 bis 1834 feststellen konnte, haben verschiedene Verkäufe von Höfen und Ländereiern stattgefunden. Christian Sabrowski verkaufte im Jahre 1817 seinen ganzen Besitz an Pudlatis. Dieser hatte nun 3 Hufen. Er verkaufte aber im Jahre 1820 eine Hufe an Johann Matthée (Sohn aus der 1. Ehe von der Ehefrau geb. Belitz) und dessen Ehefrau Dorothea, geb. Neubauer, eine zweite Hufe verkaufte er an den Stuhlmacher Erdmann Domnick (Webstuhlfabrikant). Auf meinem Hof war vor dem Krieg 1914/18 noch ein Webstuhl auf den der Name „Domnick“ eingebrannt war. Wie meine Mutter erzählte, war er von einem Domnick, wohnhaft in Kurnehmen, Krs. Goldap (hinter Gawaiten an der Chaussee Gumbinnen- Goldap gelegen) hergestellt worden. Domnick verkaufte seinen Hof bald an Neitz für 1050 Thaler. Neitz wirtschaftete nur einige Jahre, dann kam der Hof zur Zwangsversteigerung. Johann Matthée erwarb den Hof im Jahre 1823 450 Thaler. Die Hofstelle kaufte später auch Matthée. Neitz soll später in Schestoken zur Miete gewohnt haben. Dieses habe ich durch Einsicht in mein Grundbuch erfahren. Nachdem das Amtsgericht in Goldap im Jahre 1834 (am 15.10.) abgebrannt war, wurden 1837 die Grundbücher neu angelegt. Zu diesem Zweck mussten die Besitzer der Höfe vor Gericht den Beweis erbringen, dass sie tatsächlich Eigentümer ihrer Höfe und Ländereien waren. Johann Matthée bewies das in dem er selbst und zwei Zeugen unter Eid vor Gericht die Tatsache zu Protokoll gaben. Der eine Zeuge war Schmidt aus Joglehnen, der andere Namen ist mir entfallen. George Neubauer kaufte 1803 den Hof von Daniel Sabrowski, dazu im Jahre 1816 das Grundstück von Eigenkätner Friedrich Balszukat und seiner Ehefrau Magdalene, geb. Hahn. Darüber war eine Verschreibung vorhanden, die dem Dorfrezess vom Jahre 1828 angeheftet war (Das war die amtliche Regelung zur Aufteilung der Allmende und damit das Ende der Dreifelderwirtschaft). Auch die Übergabeverträge von Neubauers Hof von 1830 und 1855 waren beim Dorfrezess. Die Verschreibung Neubauer- Balszukat war noch beim Amt Kiauten getätigt worden. Im Jahre 1822 hatte George Neubauer noch das 22 Morgen große Grundstück von August Müller zugekauft. Ob Müller in Roedszen wohnte oder in Jodszen oder in Egglenischken/ Preußischnassau konnte ich nicht feststellen. Von dem Verkauf erfuhr ich durch die Einsichtnahme in das Grundbuch Neubauer im Februar 1944 auf dem Grundbuchamt in Gumbinnen.

Im Jahre 1808 war der Bauer Johns Szidatis gestorben. Er hinterließ seine Witwe Ehster und 4 unmündige Kinder. Die Witwe wollte sich mit einem gewissen Poetschellis wieder verheiraten. Zur Festesetzung des Kindererbteils war vom Amt Kiauten eine Aufstellung des gesamten lebenden und toten Inventars angefertigt worden, die noch beim Grundbuch vorhanden war. Der Hof damals war ca. 95 Morgen groß war sehr ordentlich bewirtschaftet und es war interessant festzustellen mit welchem geringen Besatz damals die Höfe ausgestattet waren. Lebendes Inventar: 4 Pferde, 2-3 Kühe, 6 Schafe, 2 Schweine. Totes Inventar: 1 Pflug, 1 Egge, 1 Putzmühle, Dreschflegel und andere Handgeräte, außerdem war Bargeld, Kleidung und Vorräte an Leinen und Wolle vorhanden.

Wie hat sich der Besatz der Höfe in den letzten 130 Jahren verändert!-

Für die unmündigen Kinder der Witwe Szidatis war Christian Pudlat als Onkel Vormund. Die Ehe mit Poetschellis hat nicht lange gehalten. Sie wurde geschieden. Ein Sohn soll in Goldap Sattler gewesen sein. Mein Großvater August Neubauer (1832-1917) erzählte uns von einer Tante in Goldap, wahrscheinlich die Witwe des Sattlers P. Im Grundbuch von Nehrkorn (Nachbar in Röden) war aus der Zeit von Scheffler ein beachtliches Schuldenverzeichnis; es zeigte eine ganze Reihe von sogenannten Kleckerschulden. Auf diesem Hof war nach Sabrowski Adam Lange gewesen, von dem hatte Friedrich Scheffler den Hof erworben.

Im Jahre 1823 war durch den Conducteur Bleck eine genaue Karte der gesamten Gemarkung Roedszen hergestellt worden, ein Duplikat derselben befand sich bis zum 1. Weltkrieg bei den Gemeindeakten. Diese Karte ist auf der Flucht 1914 verloren gegangen. Auf dieser Karte waren die Kirchhofswiese, die Wiesen am Dorfteich, das Bruch an der Grenze Pillkallen, Joglehnen und das große Bruch (Plinis) an der Grenze Jodszen noch als Gewässer verzeichnet. Erst später angelegte Vorflutgräben und Drainagen haben diese Gewässer trockengelegt und teilweise in fruchtbare Wiesen umgewandelt. Nach der Karte von Bleck wurde im Jahre 1827/28 die Separation des Ortes durchgeführt, d. h. jeder Besitzer erhielt seine Plantage zugewiesen auf der er für die Zukunft wirtschaften sollte. Es hat dabei auch Unzufriedenheit gegeben, da die Höfe die schlechteres (nasseres) Land zugeteilt bekamen, größer wurden als solche, die besser zu bearbeitendes Land erhielten. Neubauer, Scheffler und Pudlat waren mit der Neuregelung nicht einverstanden und es bedurfte mehrmaliger Belehrungen von Amtswegen, um sie von der Richtigkeit der neuen Ordnung zu überzeugen. Das Ackerland war von der Gründung des Dorfes bis zur Separation, also fast 200 Jahre, gemeinsamer Besitz gewesen und nach der Dreifelderwirtschaft, die Karl der Große in Deutschland eingeführt hatte: Winterung, Sommerung, Brache bewirtschaftet worden. Von jedem Feld hatten die Bauern mehrere Stücke, je nach der Bodengüte. Ebenso waren die Wiesen verteilt. Das Rindvieh, Schafe, Schweine und Gänse wurden von einem Dorfhirten im Sommer auf den Dreschländereien gehütet. Die Feldgrenzen waren: Der Weg nach Jodszen (später der Pudlatsche Feldweg) Grenze Nehrkorn/ Neubauer für das 1. Feld. Feld 2 zwischen letztgenannter Grenze und Grenze Heinacker/ Matthée. Zwischen dieser und dem Weg nach Jodszen lag das 3. Feld. Die Erträge waren sehr gering. Notstandsjahre waren an der Tagesordnung. Ursache dafür war das raue Klima, die primitiven Ackergeräte und Arbeitsmethoden, der mangelhafte Rindviehbestand und der minderwertige Stalldung. Das Land war undrainiert und nass. Man kann Erträge von 4-5 Ztr./ Morgen annehmen, gegen 15-16 Ztr./Mg in den Jahren vor dem Kriege 1939. Kartoffelernten und Klee fehlten damals gänzlich. Mein Großvater August Neubauer hat den Kartoffelanbau auf Gemüserücken abgeschafft und den Reihenanbau der Kartoffel mit Häufelpflug eingeführt. Mein Großvater änderte auch die alte Fruchtfolge in eine 6-feldrige um und zwar: Schwarzbrache, Winterung, Gerste und Hackfrucht, Rotklee, Thimote und Hafer. Das war eine Folge, die wenig Arbeit, Geld und Mühe kostete und die Erträge verbesserte. Nach der Separation wurden auch die ersten Entwässerungsgräben angelegt. Wenn sie auch nicht tief genug für die Drainagen waren, so floss doch das Oberwasser ab und es konnten an den Rändern der nassen Wiesen weitere Ackerstücke gewonnen werden. Die ersten Drainagen wurden erst nach 1870 gelegt und nur zur Entwässerung der Senken und zur Beseitigung der bei der Ackerei störenden Gräben benutzt. Eine systematische Entwässerung der Gesamtfläche kannte man damals nicht. Die erste systematische Drainage ist 1910 bei Neubauers auf dem ersten Ackerstück an Nerhrkorns Grenze durch Chmara, aber ohne Karte, angelegt worden. Es folgten dann weitere bei Nehrkorn und Sszidats vor dem 1. Weltkriege 1914/18. Eine systematische Drainage wurde erst 1925/26 auf unserem Land rechts vom Weg nach Jodszen, Grenze Bussas Neubauer und Entwässerungsgräben auf dem Platz am dicken Weidenbaum von insgesamt 36 Morgen durchgeführt. Die Anwendung von Kunstdünger kam ca. um 1880 auf. Es wurde vielleicht schon früher zum Versuch Gips und Knochenmehl gestreut. Später wurde zur Winterung 1 Zentner /Mg Superphosphat gegeben. Das gab viel Stroh, da die Winterung in Schwarzbrache mit Stalldung stand und bei der alten Landsorte überhaupt sehr ins Stroh wuchs.

Bei der im Jahre 1827/28 durchgeführten Separation wurden folgende Bauern benannt:

  1. Johann Matthée 2 Hufen (mein Hof)
  2. Witwe Annemarie Neubauer. geb. Schulz 1 Hufe
  3. Friedrich Scheffler 1 Hufe
  4. Jacob Sszidatis 1 Hufe
  5. Johann Heinacker 1 Hufe
  6. Isaak Matthée 1 Hufe
  7. Johann Sabrowski 1 Hufe
  8. Witwe von Pudlatis, geb. Thomaszewski 1 Hufe

Das waren insgesamt 9 Hufen. Die 1834 erwähnten Eigenkätner David und Wilhelm Lasch hatten ihr Land von dem Heinackerschen Hof gekauft. Es ist später an Nehrkorn und an Szidat verkauft worden.

Der Anfang der genauen Vermessung der Gemarkungsgrenzen und der anschließenden Plantagengrenzen begann am Winkel der Wege Schestoken- Jodszen in Nord-Süd- Richtung. Es wurde damals die hohe Böschung angelegt (wo der Friedhof lag) und an der zuletzt der Kiewenschauer stand ( da waren Feuerlöschgeräte untergestellt). Für die Erdarbeiten sollen damals italienische Arbeitskräfte eingestellt worden sein. Die erwähnte erste Vermessungslinie, nach der alle übrigen Vermessungslinien bestimmt wurden, ist 26 Ruthen lang. Dann erfolgte die Festlegung der Grenze Matthée/ Pudlatis, in meiner Erinnerung war sie 291 Ruthen= 1025 m lang, die auch ansehnliche Böschungen aufweist. Zur Kennzeichnung wurden Eisenschlacken und Steine benutzt. Die Separation war damals für die Bauern, die zum kleinsten Teil des Lesens und Schreibens unkundig waren, etwas Außergewöhnliches. Es sollte nun jeder nach eigenem Ermessen mit seiner Wirtschaft fertig werden, während bei der früheren Ordnung alle Arbeiten vom Schulzen angeordnet wurden. Viele sind damit nicht fertig geworden und haben ihre Höfe verkauft und sind als Landarbeiter auf die Güter gezogen. Viele, die damals meinten, bei der Landverteilung ein schlechteres Los gezogen zu haben, hatten nach der Durchführung der Entwässerung in niedrigen Lagen oft beste Böden erhalten, wie Nehrkorn und Neubauer. Durch systematische Drainage wäre noch viel zu verbessern gewesen. Es könnte dann der Boden in Roedszen gut 18 Zent./Mg an Getreide liefern. -

Die erwähnte 6-Felderwirtschaft hatten in Roedszen Szidat, Neubauer und Ritter. Nehrkorn, Heldt und Pudlat hatten 5-teilige Folge: Roggen, Gemenge, Hafer, Klee, Weide. Diese Folge hatte den Nachteil, dreimal Halmfrucht und schwere Bearbeitung der festgetretenen Weide zu Roggen. Als Steinbacher, die Witwe des Christian Matthée heiratete (1862) führte er die 9-feldrige Folge mit zwei 2-jährigen Kleeschlägen ein ( 1x Rotklee, 1x Grünklee ) Diese Folge hat sich damals gut bewährt. Nach dem 1. Weltkrieg wurden Dauerweiden angelegt und eingezäunt. Dadurch kam bei der 6- Feldwirtschaft wieder die 5- Felder zur Geltung. Dass Thimote wurde gemäht war ebenso gut wie die Bearbeitung der „grünen“ Brache .Das war auch wegen der besseren Geräte kein Problem mehr. Ich selbst hatte 1927 eine 8-jährige Feldwirtschaft: Hackfrucht, Sommerung, Rotklee, Hafer, Vorfrucht Roggen, Grünklee, Winterung eingeführt, die sehr gut war und gute Vorfrüchte lieferte.

Im Allgemeinen waren die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Landwirtschaft zur Zeit der Separation denkbar ungünstig. Die Preise für Getreide und Vieh waren sehr niedrig. Die Verkehrslage war schlecht. Das Getreide wurde im Winter mit dem Schlitten nach Insterburg gefahren, weil es dort etwas besser bezahlt wurde. Die Befreiung vom Scharwerksdienst wurde praktisch erst nach der Revolution 1848 Tatsache. Damals erhielt die Gemeinde auch das Jagdrecht.

Als im Laufe der Zeit die Gebäude in der Dorflage schlechter und baufälliger wurden, bauten die Bauern Szidat, Steinbacher, Heldt, Pudlat und Karoos/ Ritter ihre Höfe auf ihre in der Separation zugewiesenen Plantagen. Nur Neubauer und Nehrkorn blieben im Dorfe. Szidat und Karoos bauten ihre Häuser massiv. Die Ziegel dazu wurden in Feldöfen auf dem eigenen Lande von eigenem Ton gebrannt. Neubauers wollten auch ausbauen. Die Ziegel waren schon gebrannt, Holz gekauft und angefahren. Auch ein großer Steinhaufen für die Fundamente war angefahren und 1944 noch vorhanden. Der Ausbau unterblieb, weil 1875 25 Morgen von dem Heinackerschen Hof angekauft wurden und der Hof im Dorf, nun cirka in der Mitte lag. Der Ausbau der Gehöfte fand in den Jahren 1850 - 1860 statt. Begünstigt wurde das Bauen durch den großen Holzanfall als Folge des Nonnenfraßes in der Rominter Heide 1853.

Mit dem Einbruch des Kapitalismus hatte sich die Lage der Landwirtschaft nach 1870 wieder verschlechtert. Schneider, der bei Heinacker eingeheiratet hatte, konnte seinen Hof nicht halten und kam unter Treuhänderschaft. Im Ausgang der Sechziger Jahre war ein Stall abgebrannt und konnte nicht wieder aufgebaut werden. In der Zwangsversteigerung erwarb das Grundstück ein Jude. Das bis 1937 stehende Haus hieß „Judentempel“ Das Grundstück wurde 1875 parzelliert. Die Hofstelle mit 25 Morgen kaufte Szidat, der nunmehr 44 ha hatte. 20-25 Morgen kauften verschiedene Besitzer in Joglehnen ( Plikat, Conrad, Ehmer)

Die Besitzverhältnisse bei Ausbruch des 2 . Weltkrieges waren folgende:

1. Hans Ritter und Gertrud, geb. Anders 35,38 ha

2. Neubauer, Friedrich und Emma, geb. Feller 34,87 ha

3. Nehrkorn, Otto und Marta, geb. Gambal 18,00 ha

4.Szidat, Otto und Fried geb. Schlaugat 44,00 ha

5. Steinbacher, Fritz und Meta,. geb. Oberüber 28,00 ha

6. Heldt, Gottlieb und Auguste geb. Laps 19,00 ha

7. Pudlat, Friedrich und Johanna, geb. Kowalski 26,00 ha

Von 1584 bis 1850 war der Name Sabrowski in Roeden dominierend. Diese Familie war von 1564 bis 1850 in Roeden auf einem Hof vertreten. Sie hatte sich gehalten trotz 30 jährigem Krieg mit anschließendem Tartareneinfall, trotz Seuchen, wie der Großen Pest, trotz 7 -Jährigem Krieg und anschließender Besetzung durch die Russen von 1757 bis 1762. Auch durch die Napoleonischen Kriege von 1807 bis 1815 hat diese Familie überdauert. Der letzte Sabrowski war auf dem Heldtschen Hof. Die Tochter bekam das Grundstück und Friedrich Heldt aus Murgischken, Krs. Goldap heiratete dort ein. Sie bleiben kinderlos und er verkaufte das Grundstück an seinen Bruder Gottlieb, den Großvater des Besitzers Otto von 1939.

Hier bricht der Dorfbericht von Roeden ab

Es folgen noch einige interessante Bemerkungen, die leider nicht weiter ausgeführt wurden:

Maßberechnungen

1 Zoll= ca. 2,6 cm
12 Zoll= 1 Fuß= 31,2 cm
12 Fuß = 1 Rute = 3,744 m
291 Ruten = 1092,5 m
Alt- Köllmsche Hufe bis 1577= 16,80 ha
Neu- Köllmsche Hufe bis 1721= 17,35 ha

Wetterberichte:

Nasse Jahre: 1907
Trockne Jahre: 1911
Kalte Jahre: 1929, am 18.05. wurde noch mit dem Schlitten Holz aus der Rominter Heide geholt

Zum Stallbau 1901:

Länge 85 Fuß, Mauerarbeiten von Weber aus Szurgupchen
Holzarbeiten von Arndt aus Kiauten für 600 Mark (wollte 1000 haben)
Holz kam aus Stallupönen von Sticklies
Zimmererarbeiten von Gottlieb Stamm aus Kl. Gudellen

Der Großvater August Neubauer( ein Foto von ihm liegt vor) wurde 18.03.1832 geboren (er war Dorfschulze, was damals ein wichtiges Amt war) und hatte 1892 seinen 60. Geburtstag. Der Nachbarssohn Fritz Bussas widmete ihm dazu folgende Verse, die von Papas Schwester Berta in den 1960iger Jahren auswendig aufgeschrieben wurden.

Geburtstagsgedicht

Schier sechzig Jahre bist du alt
und fünfunddreißig Jahr Beamter
drum eilt zu gratulieren dir
der Freund und auch Verwandter

Zu Deiner Ehr´ hast du bisher
den Vorsitz hier geführet
damit kein Leid und Ungemach
die Ortschaft durft´ berühren

Um diesen Ehrenposten ist
der Ohm nicht zu beneiden
es bringt viel´ Schwierigkeiten nur
und leider wenig Freuden

Beneidet wirst du allerdings
um deine Herzensgüte-
Die Ruhe und Bescheidenheit
und um dein gut Gemüte

In Ruhe und Gemütlichkeit
hast du des Amts gewaltet
dies ist der Grund weshalb im Ort
die Fehde ist veraltet

Mit diesen Waffen hast du Ohm
so gut bisher gefochten
weshalb wir heute dir zum Lohn
den Lorbeerkranz geflochten

Schmückt deine Brust auch heute nicht
kein Band und auch kein Orden
weil du so frei und edel dacht´s
ist dir es nicht geworden

Dein graues Haar so ehrlich trägst
wie manche es nicht waren
bei dir gilt nur die Redlichkeit
von der Wiege bis zur Bahre

Der Sorgenstuh,l den wir geschenkt
soll´s Leben dir versüßen
wenn Altersschwäche einst dich drückt
und müd´ wirst auf den Füßen

Die Pfeife rauchst du nun dazu
gestopft mit edlem Knaster
so wie es früher war dein Brauch
ein harmloses Laster

Dazu gehört auch ein Pokal
gefüllt mit Saft der Reben
dann bist zufrieden allzu mal
wünschst ewig hier zu leben

Doch leider kann´s gelingen nicht
auch Schulzen müssen sterben
obwohl du Ohm ja sicherlich
den Himmel nur kannst erben

Und wenn dereinst er droben weilt
im Himmel- wie´s sich gebühret
der alte Herr ja sicherlich
auch dort den Vorsitz führet.

August Neubauer starb am 27. 12. 1917. Das Begräbnis war am 1.1. 1918 mit viel Gefolge, (auch Uszkurat aus Brakupönen) Nach der Beerdigung gegen Abend setzte heftiger Schneefall und Sturm ein. Die Trauergäste mussten mehrere Tage auf unserem Hof bleiben, ehe sie auf den Heimweg machen konnten. Tante Minna Neubacher, geb. Hartmann war damals 27 Jahre alt (das war die Mutter von Heinz Neubacher). Minna Steinbacher, Martha Pudlat und Ida Neubauer waren 17 Jahre. Hans Bussas war auf Urlaub, ebenso Gottfried Geffke und Otto Steinbacher als Ulan. Alle und wir Jungens, insgesamt 8 Mann trugen die Bahre von Opa. Unser Butschker ( Bruder Fritz ) wurde schwach. Es waren vom Hof zum Friedhof an 700m.

 
 
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